Die italienische Reise von Goethe bis Heine:
Ein Abschied
 
MARINO FRESCHI
Roma Tre – Università degli Studi

Die italienische Reise hat sich im Laufe der Jahrhunderte sehr verändert: im Mittelealter (und wiederum heute mit dem deutschen Papst Ratzinger) kamen zur Tiberstadt vor allem fromme Pilger. Manchmal so fromm, dass sie die Korruption des päpstlichen Hofes ganz skandalisiert verurteilt haben, wie der sächsische Augustiner Mönch Martin Luther, der die römische Kirche als eine “Hure” bezeichnete.

Dann während der Aufklärungszeit ändert sich das Italienbild vor allem dank des gelehrten und begeisterten Blickes von Winckelmann, der glaubte, in Italien die Wiedergeburt der klassischen Kunst und dadurch die neue Weltanschauung entdeckt zu haben. Seine Bűcher entflammten die deutsche Jugend, wie wir aus Goethes “Dichtung und Wahrheit” erfahren (haben).

Und eben ist Goethe, der den ‘Kanon’ der italienischen Reise festsetzte. Und doch in ein paar Jahren wurde die Hägemonie seiner neoklassischen Interpretation Roms von der romantischen Wende vollkommen umgedeutet, die in Italien vor allem durch die Maler des Lukas-Bundes, bzw. die berűmhten Nazarener durchgesetzt haben. Rom und Italien wurden Treffpunkt von deutschen Reisenden aus differenzierten Weltbildern: gelehrten Neoklassikern und frommen Romatikern, während das Land der blűhenden Zitronen leider durch die napoleonische Besetzung eine noch tiefere Dekadenz erlebte.

Und die neuen Deutschrömer – die der Biedermeierzeit, des Zeitalters der Zerrissenheit – erfuhren Rom mit einer Art Schwermut und innerer Zerspaltenheit, wie wir aus den Gedichten von Waiblinger und Platen lesen. Aber die Weltachse der Kultur hatte sich inzwischen versetzt: wenn Rom die Hauptstadt des 18. Jahrhunderts war, wurde Paris die des 19. Die neue Leitkultur steht im Zeichen der Industrialisierung und des technischen Fortschritts moderner Stadtentwicklung. Der Blick auf Rom ist ein Blick schwerműtig zurűck und seine Grundstimmung wurde von nun an elegisch und steigerte sich sogar zu einem Gefűhl der Abneigung . Schon in Hebbel sehen wir einen Widerwillen auftauchen, der in Heine und in seinen italienischen Aufzeichnungen, die in den „Reisebildern“ gesammelt wurden, immer tiefer und endgűltig wurde(n). Und es ist kein Zufall, wenn der Dichter aus Dűsseldorf nicht einmal nach Rom gekommen ist. Auch seine Erinnerungen seiner italienischen Reise haben etwas ironisch herabsetzend und sind vor allem auf die innendeutschen Auseinandersetzungen gerichtet, wie die heftige, pietätlose Polemik mit Platen und dessen Homosexualität zeigt. Im Grunde ist fűr Heine Italien eine obligate Etappe vor der grossen, schicksalhaften, definitiven Reise nach Paris, seiner neuen Heimat, wohin die neuen deutschen Intellektuellen – wie Börne, Marx, Engels – emigrierten. Rom war mit seiner epigonischen Stimmung vollkommen űberwunden: die Zukunft gehörte Paris mit seinem Modernität und seinem Kulturleben. Und doch wie ein Karsterscheinung taucht Italien immer wieder auf in den Lebensläufen deutschsprachiger Kűnstler von Heinrich und Thomas Mann bis Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Aber das ist schon ein anderes Kapitel der europäischen Kultur und der endlosen, bewegten, nie neutralen Beziehung zwischen Italien und den deutschen Kűnstlern.


Marino Freschi