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Ausgrenzung vs. Einbürgerung: Medea und Agameda
in Christa Wolfs Medea. Stimmen
M. LORETO VILAR
UNIVERSITAT DE BARCELONA
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„Wann werde ich, oder werde ich überhaupt je noch einmal ein Buch über eine ferne erfundene Figur schreiben können; ich selbst bin die Protagonistin, es geht nicht anders, ich bin ausgesetzt, habe mich ausgesetzt“ (Wolf 2003 [1993]: 524). Christa Wolf schrieb diese Worte 1993 in einem autobiographischen Text. Die programmatische Tragik dieses Bekenntnisses wurde drei Jahre später bei der Veröffentlichung des Romans Medea. Stimmen offengelegt. Denn die Interpretation der Kritik 1 unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches war eine politisch gefärbte. Durch die literarische Rehabilitierung der Medea-Figur, die von Euripides geprägt wurde, schien sich Wolf als Sündenbock präsentieren zu wollen, als Opfer der Verleumdungskampagne der westdeutschen Presse gegen die Intellektuellen der DDR. Die Aktion hatte bekanntlich in Form von einem Literaturstreit angefangen, als die Erzählung Was bleibt im Frühsommer 1990 veröffentlicht wurde. Damals wurde Wolf vorgeworfen, sich, eine „Staatsautorin“, durch dieses Werk in die Reihen der Opfer des SED-Regimes einschleichen zu wollen. Die direkte Anklage gegen die Schriftstellerin kam aber 1993, als bekannt wurde, dass Christa Wolf der Geheime Informator (GI) „Margarete“ der Akten der
Gauck-Behörde in Berlin war. Und die sofortige Publikation ihrer Stasiakte konnte die Diffamation kaum zum Schweigen bringen.
Der Roman Medea. Stimmen kann sehr wohl als Schüsselroman gelesen werden, in dem all diese Erlebnisse literarisiert werden. Korinth lässt sich unschwer mit der BRD und Kolchis mit der DDR identifizieren, doch eine manichäische Deutung dieser Parallele erprobt sich bei der genauen Lektüre als fehlbar. Sie übersieht den psychologisierenden Wert der Wolfschen Interpretation des Mythos2 und ignoriert somit, dass der Roman „eine Studie über die Macht und ihre Wirkungsweisen“ (Atwood 2000: 110f.) ist. Sie verfehlt darüber hinaus die durchaus kritische Positionierung der Autorin sowohl zur verlorenen Heimat als auch zum 1990 entstandenen Deutschland. „Wie in Kassandra steht die Frau [in Medea. Stimmen] als Genus und Anima den monolithischen Machtblöcken einer zerstörerischen Männerkultur gegenüber deutlicher Rekurs auf den westdeutschen Feminismus und die Verteufelungen einer sittlichen Gesinnung“ (Langner 2000: 56).
1. ZWEI NAMEN, ZWEI FRAUEN, ZWEI HEILERINNEN, ZWEI KOLCHERINNEN
Der Stimme ihrer Medea stellt Christa Wolf in ihrem gleichnamigen Roman eine andere weibliche Stimme gegenüber, die ihrer Landsmännin und ehemaligen Schülerin Agameda. Dadurch entsteht meines Erachtens eine Polarität, die einen entscheidenden Paradigmenwechsel im tradierten Mythos erzwingt: Der Dreiecksgeschichte Medea-Jason-Glauke wird nun die Triade Medea-Akamas-Agameda opponiert. Leidenschaftliche Liebe spielt in der Wolfschen Variante auch keine Rolle mehr, sondern alles dreht sich um Sozialisationsprozesse. Die mythologische Folie lässt somit eine Konfrontation entdecken, die weit über der Parallele zur deutsch-deutschen Thematik unsere postmoderne Welt in all ihrer Negativität charakterisiert. Hinzu kommt, dass diese Konfrontation das möchte ich behaupten von zwei Figuren geführt wird, die eigentlich viel Gemeinsames haben: Medea und Agameda sind zwei Frauen, beide Heilerinnen und beide aus dem selben Lager, Kolchis. Es ist durch sie, dass Wolf über zwei Weisen reflektiert, das Fremdsein zu erleben, das Fremdsein im Zusammenleben von Menschen. Die eine Art und Weise ist die eines Menschen, der wegen seiner Ablehnung der vorhandenen inhumanen Verhältnisse zu Grunde geht bzw. gehen muss. Dem anderen gelingt es aber, die Bedingungen in seinem konkreten Wirkungsfeld schnell zu verinnerlichen und es somit zum gesellschaftlichen Erfolg zu bringen. Dies jedoch wohl in direkter Proportionalität zum Verlust an Humanität. Es handelt sich kurz, um Formen von Ausgrenzung und Einbürgerung, die im Roman von Christa Wolf literarisch dargelegt werden.
Medea ist eine Gestalt mit einem „magischen Namen“ (S.10)3 , wie die Autorin es im Vorwort schreibt. Aber auch in dem Namen Agameda ist dieselbe indogermanische Wurzel med enthalten, die „messen, ermessen“ bedeutet und auch „Rat wissen“. Sie bezeichnet einen „klug ermessenden, weisen Ratgeber“, einen „Heilkundigen“ die Wurzel ist heute noch im Wort „Medizin“ (Heilkunde) präsent. In dem Morphem lässt sich andererseits der Hinweis auf die Göttin der Weisheit Metis erkennen, einem Abkömmling der Titanen in der griechischen Mythologie. Aus Metis soll parthenogenesisch Athene geboren worden sein, die in Korinth, wo sie auch verehrt wurde, den Namen Medea erhielt (Graves 1995: 395)4 . Etymologisch weist dieser Name demzufolge auf die Frau mit dem guten Rat (Kerényi 1983: 209) hin, auf die Kluge (Graves 1993: 499). Der Name Agameda nimmt aber eine semantische Überbewertung desselben Begriffs auf: Agameda ist die sehr Kluge (Graves 1993: 482). Und obwohl sie von der Schriftstellerin in dem Kontext erfunden worden ist, wird Agameda schon in der Ilias erwähnt, dort auch als eine Zauberin, die „Heilkräuter verstand, so viel rings nähret die Erde“ (XI 741)5 .
In Agameda ist es, dass Christa Wolf den Umschlag von Hass in Gewalt schildert, der das Wesen der Medea-Figur von Euripides ausmacht. Dadurch wird Hass vom spezifisch individuellen Bereich auf eine breitere gesellschaftliche Sphäre übertragen. Ferner wird das Novum einer Medea als Opfer dadurch profiliert. Medeas Fluch mag zwar als vernichtend gedeutet werden, doch er bleibt als Ausdruck ihres Hasses am Ende des Romans unwirksam. Es ist außerdem nicht ihr Fluch, sondern ihre Ausweglosigkeit, die den Roman schließt. Ihre letzten Worte sind in diesem Sinne entscheidend: „Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort“ (S.218). Medea weiß, sie muss in Korinth noch eher als in Kolchis aber auch dort aus bleiben, ausgegrenzt.
Dass ihre Medea bei solch einer hermeneutisch bedingten Änderung wohl jene Größe der Figur von Euripides einbüßt, wird von Wolf eben auf Grund ihres eigenen Interesses als Dichterin aus einem anderen Zeitalter nicht problematisiert6 . Von der Kritik wurde allerdings fast einstimmig bemängelt7 , dass bei Wolfs Neukonstruktion des Mythos ein Verlust an Tragik entspringe zu Gunsten einer Akzentuierung des Ohnmachtsgefühls der Heldin vor dem ihr angetanen Unrecht. Doch eben darin liegt meiner Ansicht nach die Größe der Figur Christa Wolfs, nämlich in der von Medea verkörperten Unfähigkeit eines Menschen, sich unerhörten Untaten mit Taten entgegenzusetzen, geschweige denn mit Gewalt. In Kontrast zu dieser humanen Medea wirkt Agameda im Roman von Christa Wolf trotz allem auch nicht tragisch, sondern bloß zynisch, in ihrem Zynismus oder gerade durch ihn eben in der Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts verankert.
2. STOLZ VS. NEID
Neid und Hass resultieren bei Agameda aus der Gewissheit, dass das Wissen ihrer Lehrerin allmächtige, göttliche Züge hat im Gegensatz zu ihrem eigenen. Für die Entwicklung dieser Gefühle sorgt dann aber auch ein wichtiger Charakterzug Medeas: ihr Hochmut. Schon die Tatsache, dass Medea in der Vergangenheit in Kolchis die damals zehn Jahre alte Agameda in ihre Schulerinnenschar aufnahm, als ihre Mutter starb, bekundet den Stolz der Heilerin. Denn Medea, die Königstochter, die Priesterin der Hekate, empfand den Tod ihrer Freundin, der Mutter des Mädchens, als eine Herausforderung der Götter an ihrer Unfehlbarkeit. Die Begrenztheit ihres Wissens als Mensch hat die faustische Medea nie wahrnehmen wollen, denn für sie würde das erst bedeuten, dass sie an die Götter glaubt. Und „[s]ie ist frei vom Glauben an die Götter“ (Wolf 2000 [1997]: 91), wie Christa Wolf es in einem Interview bekundet. Agameda fehlt der Glaube zwar auch, aber dafür hat sie keinen Ersatz: Dem mangelnden Glauben hat sie keine Weisheit, keine Humanität entgegenzusetzen.
„Man muss den Neid der anderen nicht herausfordern“ (S.69), sagt Agameda aus der Gegenwart der erzählten Zeit warnend. Medea nahm sie unter die Tempeldienerinnen auf, um die Götter als ihresgleichen zu provozieren. Dem aufgeweckten Mädchen entzog die hochmutige Priesterin dann ganz bewusst die Zuneigung, nach der es brannte. Agameda hat sich als Schülerin Medeas stets nach einem ausdrücklichen Anzeichen von Liebe oder wenigstens Anteilnahme oder gar Anerkennung gesehnt. Und das ist so geblieben bis hin zur Korinther Gegenwart, in der Agameda immer noch auf einen Liebesbeweis von der großen Heilerin wartet. Als Medea zum Beispiel kurz vor dem Gerichtsverfahren fieberkrank liegt, bekennt Agameda:
Medea, die große Heilerin, lag da, rat- und hilflos, mein Herz machte einen Sprung, endlich wurde mein innigster Wunsch wahr werden, der meine Kindheit bestimmt hat, ich, ich würde ihre Helferin sein, würde an ihrem Lager verharren, sie pflegen, ihr dienen, mich unentbehrlich machen, und endlich würde ich empfangen, wonach mich noch immer so gräßlich verlangte, ihre Dankbarkeit. Ihre Liebe. [...] Ewige Dankbarkeit würde sie an mich binden, als die vor allen anderen Bevorzugte würde ich nun in ihrem Dunstkreis leben. (S.67f.)
Wie Agameda urteilt: „Manchmal hängt es an einem Faden, wie eine Sache weitergeht“ (S.67). Dieser Faden, diese eine Chance einer unerhört humanen Wendung in der langen Geschichte des Medea-Mythos wird gerade in diesem Augenblick vernichtet durch die „Benebelung“ (S.68) Agamedas, die mit ihrem Neid zu identifizieren ist. Denn, wie sie auch zugibt: „Ich will nicht niemand sein“ (S.72). Und was Agameda nicht haben kann, Medeas Weisheit, das will sie vernichten8 .
Es sind, wie angedeutet, ihre vielen Sentenzen, die dem Leser die Beweggründe Agamedas erkennen lassen, Sinnsprüche wie: „Alles kann man nicht haben“ (S.82), oder „Für den gewöhnlichen Menschen mit seinen Schwächen lebt es sich besser unter Menschen, die auch ihre Schwächen haben“ (S.83). Anhand solcher Sätze fasst Agameda ihre Verschiedenheit zu Medea zusammen: Es ist nichts Anderes als der Unterschied zwischen göttlicher Größe und menschlicher Beschränktheit. Eine politische Deutung könnte wohl in der literarisch idealisierten Position Medeas eine Widerspiegelung der revisionistischen Einstellung Christa Wolfs in der letzten Etappe der DDR entdecken, in den Jahren nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976. Dies würde dann auch ihre Adaptationsschwierigkeiten nach 1990 in der neuen BRD plausibilisieren. Ihr gegenüber stünde Agameda für die sogenannten Wendehälse, die sich nach der Vereinigung im neu entstandenen Deutschland am schnellsten eingebürgert haben.
Eine feministisch orientierte Lektüre könnte andererseits die Beziehung der zwei Frauen wohl als eine verfehlte Beziehung zwischen Mutterinstanz und Tochter interpretieren. Manche Bekenntnisse Agamedas weisen ferner auf den sogar physischen Neid der unschönen Jüngerin hin. Sie hasst Medea nicht nur für ihre Ausstrahlung als Heilerin, sondern sie hasst sie schließlich auch für ihren Reiz als Frau. Diesen weiblichen Reiz lebt Medea im Sinne derjenigen ursprünglichen matriarchalischen Verhältnisse aus, die in Kolchis noch erinnert wurden. Im Gegengatz zu ihr vergisst Agameda in dem schon durchpatrialisierten Korinth (Wolf 2000 [1996]: 78), dass Frauen zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet sind. Von ihrem Hass verblendet, sieht sie in der mütterlichen Güte Medeas lediglich die böse Absicht einer Konkurrentin. Agameda bereut jetzt zum Beispiel, dass sie als heranwachsendes Mädchen Medea ihre innigsten Empfindungen anvertraut hat: „Erst Medea, der ich zu meiner Beschämung eine Zeitlang mein Inneres geöffnet habe, versuchte mir Schönheiten anzureden: meine schön geformten Augenbrauen, mein dichtes Haar, meine Brüste. Aber mein Haar ist zu glatt, meine Brüste sind schlaff, das sieht jeder“ (S.73). Medea konnte in das Herz der jüngeren Frau blicken und wollte ihr lediglich helfen, denn als Heilerin setzt sie auf die Stärken der Menschen. Ihr gegenüber setzt Agameda auf die Schwächen der Menschen (S.76). Der altruistische oder der eigennützige Erfolg beider Figuren bei der Umsetzung dieser Lebensphilosophie in die heilende Praxis wird vor allem in der Behandlung der fallsüchtigen Glauke offenkundig9 . Ihre Handlungsweise soll nun näher präzisiert werden.
3. DAS WERT VON WEIBLICHER WEISHEIT IN KORINTH
Medeas Künste werden im Roman von Christa Wolf auf verschiedene Art und Weise exemplifiziert. Darin muss unterschieden werden zwischen jenem Zauber, den sie für den Raub des Vließes anwendet, und den Mitteln, die sie zum Heilen benutzt. Während der Erstere mit ihrem Amt als Pristerin der Hekate, der Göttin des Zauberwesens, zu identifizieren ist, weist der Zweitere Züge der heutigen Medizin auf, indem jede Art Aberglauben abgelehnt und der Kranke zugleich durch physische und psychologische Eingriffe zur Selbsthilfe anregt wird. Es ist gerade der Kontrast zwischen diesen zwei Sphären, einer dunklen, wilden, und einer durchsichtigen, empirisch ergründbaren, was Medea von allen zugleich beneidet und befürchtet oder aber auch begehrt macht10 . Das ist der Fall bei Jason, der sich bis nach dem Gerichtsverfahren von ihr angezogen fühlt, bis dass er Medea dann in einer chauvinistischen Tour de force vergewaltigt. Und es ist auch der Fall bei Akamas. Der erste Astronom Korinths weiß den treffenden Erläuterungen Medeas im Bereich der Astronomie und auch in dem der Philosophie lediglich mit Kommentaren entgegen zu kommen wie: „Das mag ja schön und gut sein, nur ist das natürlich primitiv“ (S.110), oder „[v]eraltet, natürlich, überholt“ (S.113)11 .
Unter ihrer Ausstrahlung lebt und leidet darüber hinaus noch Agameda. Sie stellt sich dem Leser als eine groteske Karikatur ihrer Lehrerin vor, ihre Züge von Neid entstellt. Doch bemitleiden soll der Leser sie nicht, sondern sich vielleicht von Agameda porträtiert sehen und dadurch wie sie von der Schriftstellerin an den Pranger gestellt: Wer mag denn sonst hinter der Maske der angepassten, eingebürgerten jungen Frau stecken? Agameda ist in der Tat „die sehr Kluge“, sie ist nicht so großtuerig wie ihr Landsmann Presbon, nicht so skrupellos wie der Korinther Turon. Sie handelt viel raffinierter, schlauer auch als Medea12 . Und auch wenn sie ihren Hass nicht zügeln kann, weiß Agameda ihr Benehmen doch sehr gut zu beherrschen. Sie mag jenen „Zweiten Blick“ der Medea nicht besitzen, aber sie hat die Begabung, die wahren Verhältnisse zu durchschauen und daraus Nutzen zu ziehen. Und sie ist nicht nur schlagfertig, sondern sie meistert die Rhetorik wie keine andere Figur im Roman.
Der Gipfel ihres Erfolgs wird in der Prozessszene erreicht, die aus der Perspektive Jasons beschrieben wird. Da triumphiert Agameda13
in ihrem Hochmut, in ihrem grenzenlosen Hass, indem sie in ihrer Aussage es gerade fertig bringt, „zu verbergen, daß sie Medea haßt, daß sie ihre Rivalin ist“ (S.198). Dadurch gewinnen ihre Worte eine ihr sehr nützliche Patina Objektivität. So kann Agameda dann das Leben und Treiben Medeas in Korinth umdeuten, bis dass jede Handlung als die eines Menschen präsentiert wird, der „seit langem planmäßig den Untergang des Königshauses von Korinth [betreibt]“ (S.198).
Dass gerade diese die größte Furcht der Mächtiger in Korinth ist, eines schon untergehenden Stadstaates, hat die Kolcherin Agameda schnell erkannt. Daraus zieht sie ihren eigenen Vorteil. Und sie setzt auf die Schwäche Akamas’, die sie besser kennt als er selbst. Agameda weiß nämlich, was der politisch korrekte Berater des Königs Kreon für Medea empfindet und warum er sie nicht unmittelbar verdammen kann:
Sie ermöglicht ihm, sich selbst zu beweisen, daß er auch zu einer Barbarin gerecht, vorurteilsfrei und sogar freundlich sein kann. Absurderweise sind diese Eigenschaften am Hof in Mode gekommen, anders als beim gemeinen Volk, das ohne Gewissensbisse und ohne Einschränkung seinen Haß auf die Barbaren auslebt. (S.79)
Sie, Agameda, löst die Katastrophe aus, indem sie ihr eigener Hass Medea gegenüber und die geheimst gehaltenen Vorurteile und Überlegenheitsgefühle Akamas’ zusammenzufügen weiß. Agameda setzt nämlich schamlos auf ihr Wissen des Unausgesprochenen und wirkt so als Bindeglied zwischen den zwei Handlungskomplexen im Roman, der ungleichen Konfrontation von zwei Völkern und der Rivalität zwischen zwei Frauen. Sie verwendet den mächtigen Akamas als Werkzeug für die Erfüllung ihrer Vernichtungspläne gegen Medea und für die Festigung ihrer eigenen Position als eingebürgerte Kolcherin in Korinth. Akamas, der lediglich auf seine eigene Machtposition am Korinther Hof bedacht ist, der als Amtsperson über Empfindungen aller Art steht, ist dann nicht unwillig, Unrecht gutzuheißen.
Die unverkennbare Parallele, die gezogen werden kann zwischen diesem inhaltlichen Kernpunkt des Romans und den schon erwähnten Erlebnissen der Autorin im Deutschland der Jahre 1989-1994, ist von der Kritik ausführlich registriert worden. Eine stilisierende, vordergründige Deutung verkennt aber meistens die Wichtigkeit einer Figur wie Agameda im Ausgegrenztsein der Medea Christa Wolfs. Sie wird auch von der Schriftstellerin als „sehr oberflächlich“ (Wolf 2000 [1997]: 90) verworfen14 .
4. MEDEAS SCHULD: DIE SCHULD CHRISTA WOLFS ?
Ein ebenfalls oft verkannter Punkt in der Remythisierung Christa Wolfs ist die Bereitschaft ihrer Medea-Figur, auf den Weg zur Erkenntnis bzw. zur Selbsterkenntnis15 ihre eigene Schuld zu erkennen. Dies auch trotz des sie definierenden Hochmuts, oder vielleicht gerade deshalb. Ihre Schuld weiß Medea viel tiefer zu begründen als die Beschuldigung, die Agameda und Presbon erdacht haben (S.83), sie solle ihren Bruder Absyrtos in Kolchis getötet haben. Die Schuld Medeas besteht nicht in dem physischen Mord an ihrem Bruder Absyrtos, lässt sich trotzdem mit dem darauf folgenden Verlust ihrer Heimat Kolchis identifizieren. Deswegen erbleicht Medea bei den harten Worten Agamedas, eine Schwester könne ihren Bruder auf verschiedene Weise auf dem Gewissen haben (S.85). Deswegen hat der Blick ihrer Mutter in jener Nacht, als sie an Bord der Argo ging, in sie das eine Wort eingebrannt: „Schuld“ (S.14). Denn den Mord an Absyrtos hat Medea auf dem Gewissen, weil sie ihn durch ihre Demokratisierungsversuche provoziert hat, wenn sich auch dessen unbewusst. Deswegen ist sie schließlich geflüchtet, um einen Ort zu finden, in dem Gerechtigkeit herrscht.
Dieser Ort könnte wohl das zivilisierte Korinth sein. Dort hat sie aber die Gebeine der ermordeten Iphinoe entdeckt, die sie sehr wohl neben jene ihres Bruders Absyrtos zu stellen weiß. So ist sie zu der Erkenntnis gekommen, dass sowohl Kolchis als auch Korinth auf einer Untat basieren, die nur durch plumpes Anlügen des gläubigen Volkes hat geheim gehalten werden können. Das Volk, das weiß Medea so gut wie Akamas, ist stets bereit, an alles zu glauben, wenn das seinem geheimen Wunsch, es zu glauben, entgegenkommt (S.120).
Das Faktum, dass es keine rechtschaffene Welt gibt, bedingt das Zugrundegehen der Medea Christa Wolfs in Korinth. Es stürzt sie ins Verderben, weil die Werte, die in der Praxis sowohl in Kolchis als auch in Korinth herrschen, in der Tat Hab- und Machtsucht sind. In diesem Sinne muss Medea, die nach Humanität strebt, überall als Außenseiterin wirken. Darin ließe sich ein Parallelismus zwischen Christa Wolf und ihrer Medea-Figur entdecken. Die Analogie zur deutsch-deutschen Situation der neunziger Jahre ergibt sich eindeutig genug aus der Metaphorik des Romans, nach der das barbarische Kolchis auf das sozialistische Ostdeutschland verweist, und das hellenische Korinth auf das kapitalistische Westdeutschland. Wenn dies schon so ist, dann könnte die Schuld Medeas mit der der Schriftstellerin in der Etappe unmittelbar vor, während und unmittelbar nach der Vereinigung übereinstimmen16
. Demnach läge die Schuld, die Christa Wolf bereit sei, auf sich zu laden, in ihrer Sehnsucht nach einem Humanitätsideal und im Einsatz falscher Mittel für die Herstellung einer gerechten Gesellschaftsform in der DDR17 . In diesem Verstädnis stünde dann die Ausweglosigkeit Medeas am Ende des Romans als Indiz für den markanten „Geschichtspessimismus“ (Paul 1997: 238) der Autorin. Dadurch wäre nämlich nicht nur die Hoffnung Christa Wolfs auf die Reformierbarkeit des DDR-Sozialismus völlig aufgegeben worden, sondern der Traum von einer gerechten Gesellschaftsordnung in der heutigen Welt überhaupt18 . Und eben dafür wäre Wolf in Deutschland wie ihre Medea in Hellas zum Sündenbock geworden, ausgesetzt und als Feindin der sogenannten Kultur der Sieger gebrandmarkt.
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Bibliografía:
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WOLF, Christa, 2003. Ein Tag im Jahr 1960-2000. München: Luchterhand.
Notas:
| 01: |
Siehe Fachdienst Germanistik 7/1996, S. 14ff
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| 02: |
Ein paralleler Versuch hatte Wolf 1983 in der Erzählung Kassandra gemacht. Dazu siehe Hilzinger 1986: 130-146, darin siehe S.133f. zum Rückgriff auf den Mythos im Kontext der DDR-Literatur
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| 03: |
Christa Wolf: Medea. Stimmen. Roman. München: dtv, 1998. Hier wie im Folgenden beziehen sich die Seitenangaben auf diese Ausgabe.
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| 04: |
Laut Hesiodus (Theogonie 886-890) hat der olympische Zeus, die Okeanide Metis begehrt und seinen Willen schließlich bekommen, zugleich ein Mädchen zeugend. Bald danach wurde ihm von Gea und Uranus vorausgesagt, dass das nächste Kind, das ihm Metis gebärte, männlich sein und den Vater absetzen würde. Um dies zu vermeiden, verschlang Zeus die schwangere Metis, die ihm dann aus seinem Inneren lauter weise Aussagen einblies. Als aber der Tag der Geburt der Tochter endlich gekommen war, bekam Zeus so unerträgliche Kopfschmerzen, dass sie lediglich durch die Öffnung seines Schädels gelindert werden konnten, aus dem die Göttin Athens heraussprang.
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| 06: |
Siehe Wolf 2000 [1997]: 94f.: „Ich glaube, daß die Medea-Figur von Euripides nicht zu übertreffen ist. Das ist eine so große Figur in ihrer Wildheit, das ist nicht zu übertreffen. Es kann nur passieren, daß heute jemand, so wie ich, an diese Ausdeutung Fragen stellt und sich erlaubt, eine andere Version vorzuschlagen. Ich bilde mir nicht ein, den Euripides zu übertreffen. [...] [E]s geht nicht ums Moralische! Es geht nicht um Moralinsaures, es geht nicht darum, irgendetwas zu verurteilen, von oben herab zu sagen: Du bist besser und du bist schlechter. Sondern es geht darum, zu versuchen, eine Figur aus ihrer Zeit herauszuheben, zu verstehen, herauszuschälen und dabei durchaus auch einen kritischen Blick zu werfen auf die Stufen, die sie schon gegangen ist in den Werken großer Dichter, mit denen ich mich nicht vergleiche.“
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| 07: |
Siehe z.B. García Gual 1998: “Pero más grave me parece el que, al transformar a Medea en una mujer perseguida, una inmigrante vetada precisamente por sus nobles cualidades, una víctima inocente del poder masculino, de los políticos sin escrúpulos y de las masas xenófobas, priva al personaje de su hondura trágica, de ese carácter bárbaro, orgulloso y atormentado que la alza como una de las figuras más impresionantes del drama antiguo.”
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| 08: |
Gefragt von der sie anklagenden Ziehschwester Medeas, Lyssa, gesteht Agameda sich dies selbst ein: „Ja. Das will ich. Der Tag, an dem es geschieht, wird mein glücklichster Tag sein“ (S.70). Trotzdem klingt ihre ausgesprochene Antwort ganz anders: „Medea brauche niemanden zu ihre Vernichtung, die besorge sie selbst, und zwar gründlich“ (S.71), erwidert sie höhnisch.
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| 09: |
Vgl. Wie die Fallsucht der Korinther Prinzessin von Medea (S.131-145) und von Agameda (S.74f., 139, 201) behandelt wird.
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| 10: |
Anhand mehrerer monologartigen Stimmen, die eher als Statements wirken, wird die Geschichte Medeas bis zur Gerichtsverhandlung und zu ihrer darauf folgenden Verbannung aus Korinth ergründet. Bemerkenswert in dieser von Wolf vorgezogenen Erzählweise ist die Tatsache, dass die Personen erst durch ihre Monologe, und weil deren Adressaten prinzipiell sie selbst sind, ungeschminkt zugeben, dass sie von der Ausstrahlung der Heilerin erfasst sind.
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| 11: |
Jason und Akamas erscheinen durch ihre Worte und ihr Benehmen als feige, irresolute Counterparts der Medea-Figur Christa Wolfs. Beide sind vom starken Joch ihres unverdienten Ruhmes befangen, was in dem Roman allzu deutlich erläutert wird: Jason gelang in Kolchis zum Goldenen Vließ lediglich mit Medeas Hilfe, durch ihre Zauberkünste (S.56-60), und Akamas werden die nötigen Informationen für seine Voraussagen stillschweigend von Leukon geliefert (S.153-154). Ihnen gegenüber werden Agameda und Glauke trotz der vielen Makel in all ihrer Macht gezeigt, in jener Macht, die es dem Mächtigen ermöglicht, andere oder sich selbst zu zerstören. Diesbezüglich erklärte Christa Wolf, ihr sei es nicht darum gegangen, Frauen „sympathisch“ und Männer „unsympathisch“ darzustellen (Wolf 2000 [1996]: 80). Ihre Schreibweise beschrieb sie mit folgenden Worten: „Ich brauchte ein Ensemble, aus Männern und Frauen bestehend, deren jeder und jede ernst genommen wird, das Medea ergänzt, in Frage stellt, das geeignet ist, möglichst viele ihrer Seiten und Eigenschaften zum Klingen zu bringen“ (Wolf 2000 [1996]: 82).
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| 12: |
In diesem Sinne verwechselt Agameda das ehrliche Vorgehen Medeas in Korinth mit Verblendung (S.76) und mit Leichtsinn (S.84).
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| 13: |
Dazu siehe Püschel 1996: 139: „Im Statement der Agameda könnte vieles aus Talkshows der letzten Jahre stammen.“
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| 14: |
Ihre Stellungnahme dazu drückt sie mit folgenden Worten aus: „[W]enn jemand in einer bestimmten Zeit ein Thema aufgreift, wenn ein Motiv ihn oder sie so bedrängt, daß er oder sie es schreiben muß, wie mich eben dieses Problem, daß eine Frau zum Sündenbock gemacht wird, was ja eine Kernlinie des Buches ist, dann kann man schon davon ausgehen, daß der Autor, die Autorin eben dieses Problem in dieser Zeit selbst sehr stark empfunden hat. Aber eben nicht in dieser oberflächlichen Weise, sondern in eine Weise, die doch sehr viel mehr zu tun hat mit den allgemeinen Umgangsformen und Verhaltensweisen in unserer Kultur, die übrigens in Ost und West nicht so verschieden waren, wie es heute dargestellt wird. So verschieden sind die Verhaltensweisen und Grundlagen der Zivilisation, der Kultur nicht in Ost und West. Das hat mich viel mehr beschäftigt und betrifft mich auch heute noch viel tiefer. Und vielleicht ist es auch so ich will es niemandem unterstellen, aber es könnte auch sein, daß diese viel härtere Fragestellung vielleicht manche auch nicht wahrnehmen wollen und sich zunächst einmal erfreuen und verlustieren an dem Vordergründigen.“ (S.90f.).
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| 15: |
Paul 1997: 235f. verbindet das Leitmotiv Selbsterkenntnis, präsent im Gesamtwerk Christa Wolfs, mit Medeas Ohnmacht am Ende des Romans Medea. Stimmen. Paul setzt die Ohmacht Medeas ferner in Verbindung mit dem Empfinden der eigenen Schuld an der Progression der Geschichte, „denn die eigentliche, vielleicht nicht ganz offen zugegebene Erkenntnis beider Texte [Medea. Stimmen und Kassandra] ist, daß es nicht möglich ist, historisch zu handeln, ohne schuldig zu werden.“ (S.236).“
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Siehe dazu die folgenden erläuternden Worte Christa Wolf: „Manchmal kann man an solchen scheinbar zurückliegenden Figuren die zeitgenössischen Probleme besonders deutlich herausfiltern [...] Da wird erkennbar, daß das Grundverhalten der Menschen in ähnlichen Situationen schon dem unseren sehr ähnlich oder gleich sein kann. Insofern kann ich diese frühen Gesellschaften als Modell verwenden [...] Ich begann 1999/91, mich mit der Medea-Figur auseinanderzusetzen. Es zeigte sich mir in jenen Jahren, daß unsere Kultur, wenn sie in Krisen gerät, immer wieder in die gleichen Verhaltensmuster zurückfällt: Menschen auszugrenzen, sie zu Sündenböcken zu machen, Feindbilder zu züchten, bis hin zu wahnhafter Realitätsverkennung. Dies ist für mich unser gefährlichster Zug. In der DDR hatte ich ja gesehen, wohin ein Staat gerät, der immer größere Gruppen ausgrenzte, der seine Integrationsfähigkeit immer mehr verlor. Jetzt erleben wir in der größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland, wie immer größere Gruppen von Menschen überflüssig werden, aus sozialen, aus ethnischen, aus anderen Gründen. [...] Diese Ausgrenzung des Fremden zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur. Immer schon vorhanden ist die Ausgrenzung des angstmachenden weiblichen Elements.“ (Wolf 2000 [1996]: 75ff.).
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Dazu schreibt Püschel 1996: 141: „Der Traum einer gerechten Gesellschaft wird nur einmal zitiert, Medeas Handeln ist nicht auf dieses Ziel orientiert. Eher ist sie als eine Persönlichkeit denkbar, wie eine solche Gesellschaft sie braucht.“
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Dazu siehe Paul 1997: 238: „Für diejenigen, die vom Sozialismus ein menschlich-gerechtes Gesellschaftssystem erhofft hatten und ihr Leben und ein leidenschaftliches Engagement dafür einsetzten, ist der Kollaps des Sozialismus, und noch dazu in solcher Unwürde, eine bittere Enttäuschung. Gegen diesen Hintergrund läßt sich Wolfs Medea als eine Idealprojektion verstehen, ein Wunschbild, ein moralisches Ideal, das jetzt nur noch in einen leeren Raum jenseits der Geschichte hineinprojiziert werden kann.“
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M. LORETO VILAR PANELLA Universitat de Barcelona
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