resum abstract Adreça Índex Temàtic Deutsch in Spanien an der Schwelle zum 21. Jahrhundert - Forum 11 (2004) PÀGINA PRINCIPAL
 
 
 
  Infantilismus und Exil in
Kind aller Länder

CARME BESCANSA LEIRÓS
carme.bescansa@ehu.es
© Carme Bescansa Leirós 2003
UNIVERSIDAD DEL PAÍS VASCO


 
 
 

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Resumen

El recurso a la mirada infantil como técnica narrativa no es nuevo en la literatura contemporánea alemana. Irmgard Keun adopta también esta perspectiva para ofrecer una visión de la realidad del exilio "ingenuamente" crítica. Pero más allá de constatarse en la figura narradora, el infantilismo constituyó un fenómeno típico del escritor adulto exiliado, como recogen diferentes voces del momento. E igualmente, la consideración de la mujer como un ser inmaduro y dependiente, "infantil", se encuentra documentada en la visión de la época sobre la condición femenina. Keun aúna en su novela Kind aller Länder estas tres aplicaciones del infantilismo precisamente en las tres figuras principales, para abordar así la problemática económica, sociopolítica y especialmente de género, vigentes en el referente histórico inmediato. De esta manera, la autora crea una obra de fuerte carga humorística y a la vez subvertidora de las estructuras hegemónicas.


Descriptores:
Exilroman
Zeitroman

Novela del Exilio
Novela de actualidad
Keun
Irmgard Keun
Infantilismo
Exilio
Emigración
Los años de exilio
 


 

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Abstract

In diesem Beitrag wird zuerst die Existenzproblematik der exilierten Schriftsteller während der Vorkriegsphase allgemein dargestellt. Darüberhinaus wird die Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des Infantilismus bei diesem Kollektiv gerichtet und aus mehreren Perspektiven gedeutet. Insbesondere die Theorie von Günther Anders erweist sich als ausschlaggebend für die literarische Behandlung, die Irmgard Keun von diesem Phänomen beim Schriftsteller in ihrem Exilroman Kind aller Länder (1938) ausführt. Dieses Werk ist ein weiteres Beispiel für die ständig kritische und zeitgewandte Produktion der Autorin. Der Infantilismus verschafft ihr ein wichtiges Instrument zur Umwälzung der Kategorien, die die pyramidale Sozialstruktur bestimmen. Die Autorität der Erwachsenen über Kinder wird dank dieser und anderer Strategien illegitimiert, genauso wie die Herrschaft von Mann über Frau, oder von im Lande gebliebenen Deutschen über Exilierte auch in Frage gestellt werden.

Schlagwörter:
Exilroman
Keun
Irmgard Keun
Kind aller Länder
Infantilismus
Exil
 

 

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Infantilismus und Exil in
Kind aller Länder

CARME BESCANSA LEIRÓS
UNIVERSIDAD DEL PAÍS VASCO

 

   
1.
Der historische Moment des Exils und die Erscheinung des Infantilismus beim Schriftsteller
 
         
   
Im Roman Kind aller Länder schafft die Autorin Irmgard Keun ein Portrait der historischen Zeit, die sie im Moment des Schreibens erlebt, nämlich 1938. Gerade dieses Jahr bildet mit dem Anschluss Österreichs und mit der Sudetenkrise einen Wendepunkt in der Außenpolitik des nationalsozialistischen Deutschlands (beide Ereignisse werden direkt im Roman erwähnt). Kennzeichnend für die Exilierten, die in dieser Phase das Land verlassen, ist ein Gefühl von Provisionalität. Sie reisen nämlich aus mit der Überzeugung, dass sie bald zurückkehren werden. Aus diesem Grund bleiben sie in den Nachbarländern, in Grenznähe, um von dort aus die politische Entwicklung zu beobachten und auf die für bald erhoffte Wende zu warten.
 
       
   
In dieser Vorkriegsphase sind die Lebensumstände der Exilierten je nach dem Aufnahmeland und auch je nach der politischen Lage der Ausgewanderten in Deutschland sehr unterschiedlich. Die Individuen, die ihre Staatsbürgerschaft verloren haben oder die aus Angst keine Erneuerung ihrer Reisedokumente beantragen, stoßen auf sehr ernste bürokratische Hindernisse, um ihren Aufenthalt im Ausland zu regeln, denn der Verlust des Passes gilt als Verlust der juridischen Existenz des Individuums (Feilchenfeldt 1986:44). Die Toleranz der Tschechoslowakei gegenüber diesen Fällen steht im Gegensatz zur Strenge in der UDSSR, wo nur Mitglieder der kommunistischen Partei angenommen werden (Walter 1985:24). Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Großzügigkeit der Empfängerländer sich um so mehr vermindert und die Asylpolitik dieser Länder desto restriktiver wird, je länger die Problematik der Exilsuchenden besteht und je mehr die Zahl der Betroffenen wächst.
 
       
   
Das Kollektiv deutscher Schriftsteller im Exil weist Kennzeichen auf, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Sie genossen neben Wissenschaftlern und Künstlern eine größere Achtung als Vertreter der deutschen Emigration als die Politiker – die schwache Außenpolitik der europäischen Länder gegenüber der Einmischung Berlins in innere Angelegenheiten wie in ihre Asylpolitik, förderte nicht gerade die Errichtung einer gemeinsamen Front gegen das NS-Deutschland, und so blieben die deutschen Politiker im Exil in zweiter Reihe. Die stellvertretende Funktion der deutschen exilierten Schriftsteller in der Öffentlichkeit vermittelt ihnen einen Sinn für ihre Existenz und für den alltäglichen Überlebenskampf, den sie wie alle Emigranten führen mussten.
 
       
   
Neben dieser Repräsentativität ist auch ein weiteres Kennzeichen erwähnenswert, worauf sich unser Beitrag konzentrieren wird: Das Phänomen des Infantilismus bei manchen Schriftstellern. Dieser Verzicht auf das Erwachsensein wird aus verschiedenen Perspektiven gedeutet, die von der ästhetisierenden Thomas Manns bis zur ethisch-humanistischen Oskar Kokoschkas über die existenziell-psychologische Günther Anders’ reichen.
 
       
   
Thomas Mann betrachtet den Infantilismus als die ideale Einstellung des Künstlers, um eine Kunsterfahrung zu unterstützen, die in einem ständigen Wiederkehren des vergangenen Ideals besteht und die somit durch einen mythischen Charakter geprägt wird. Die künstlerische Haltung ist die Repräsentation, d.h. die Einnahme einer kindlichen Rolle, welche die mimetische Bewunderung der Väter, genauer Goethes, ermöglicht (Mann 1968:229). Kokoschka konzipiert diese Unreife auch als positiv und versteht sie als eine programmatische Aufforderung des Künstlers, um seinen Humanismus andauernd zu erneuern. In diesem Sinne soll der Kunstschaffende ein puer aeternus bleiben (Kokoschka 1975:213).
 
       
   
Für die Analyse der Figur des Schriftstellers in Kind aller Länder erweist sich insbesondere aufschlussreich die Theorie von Günther Anders über den Infantilismus derjenigen, die er Berufsemigranten nennt. Interessant ist zuerst der Zusammenhang, den er zwischen Erwachsenheit und Autorität bzw. Angepasstheit erkennt (Anders 1962:608):
 
       
 
Erwachsen wird man ebensowenig durch bloße Charakterstärke wie durch biologische Reifung. Vielmehr ist Erwachsenheit immer auch ein sozialer Status, ein Zustand, in den allein derjenige hineinwachsen kann, der einer bestimmten Welt zugehört; der deren “Wege” kennt; der in dieser eine gewissene Selbständigkeit genießt; der von dieser als kompetent, erfahren und vertrauenswürdig anerkannt und verwendet wird; und dem es auf Grund dieser ihm zugebilligten Autorität zur täglichen Gewohnheit geworden ist, für die ihn Anerkennenden Verantwortung zu tragen.
 
     
   
Anders betrachtet das Erwachsensein nicht in seiner materiellen biologischen Dimension sondern in seiner existentiellen. Das Erwachsensein ist in diesem Sinne eine Rolle, keine natürliche feste Eigenschaft des Menschen sondern eine entbehrliche. Der Verzicht auf diese Rolle ist laut Anders das Ergebnis einer Entscheidung für das Leben im Provisorium bzw. für das Exilleben, für den Beruf des Emigranten. Für ihn ist die kindliche Haltung dieses Berufsemigranten eine Strategie, um das Gleichgewicht im Leben zu bewahren, und auch eine Schutzmassnahme vor der ständigen Bedrohung und Wurzellosigkeit der Exilexistenz. Die Notwendigkeit, bei jeder Exilstation immer von Null anzufangen ohne Anknüpfungen zu vorigen Lebenphasen herstellen zu können, führt dazu, dass das Leben des Exilanten sich in Lebensschnitte ablöst, sodass er keine vita sondern eher vitae führt.
 
       
   
Anders versteht also den Infantilismus als ein notwendiges Übel, im Vergleich zur positiven Perspektive von Mann und Kokoschka. Der ständige Drang zum Abbrechen wird vom Exilierten verinnerlicht und diese Palingenese verschafft ihm das Gefühl einer Unsterblichkeit (Anders 1962:605). Diese Fähigkeit zur Wiedergeburt durch das kontinuierliche Reisen ist die Ursache für seine fehlende Reife. Mit den Worten Anders’(Anders 1962:610):
 
       
 
Da wir die chambres garnies des Provisoriums bewohnten; da wir unseren Alltag als bloßes Intermezzo betrachteten, da wir unser Leben nur als Vorleben für ein Übermorgen einrichteten, da wir als Bohemiens wider Willen von der Hand in den Mund lebten; da wir es abwiesen, die Wirklichkeit, die uns umgab, als eigene Welt anzuerkennen un in dieser zum Zug zu kommen – ließen wir uns auf ein, sowohl von außen wie von uns aus gesehen, völlig ungültiges Lebens ein, auf einen Zustand, der auf Grund seiner Ähnlichkeit mit dem Lebensstil unfertiger Menschen als “Pubertät” bezeichnet werden könnte.
 
     
   
Nicht zu übersehen ist die kritische Funktion dieser existenziellen Haltung des Infantilismus. Der Berufsemigrant nimmt die kindliche Rolle als Protestakt ein. Damit klagt er eine soziale und politische Situation an, die es ihm unmöglich macht, in seinem eigenen Land zu leben und seine Sprache frei und unverzerrt zu benützen.
 
       
   
Anders’ Beitrag weist hier also auf ein Phänomen hin, das die Schwierigkeiten des Exillebens deutlich signalisiert und denunziert. Diese ergaben sich aus Faktoren wie der materiellen Not, dem Mangel an Stabilität, der ständigen Bedrohung einer Repatriierung, der Entwurzelung usw. Diese Perspektive fokusiert demnach die persönliche Krise, die die geschilderte Situation hervorruft, und verdeutlicht den Zusammenhang dieser Krise mit der politischen Dimension.
 
       
   
Im Vergleich zu Anders implizieren die Ansichten von Mann und Kokoschka eine Forderung nach Repräsentativität der Künstlerfigur. Laut diesen Autoren soll der Infantilismus das öffentliche Verhalten des schaffenden Subjekts kennzeichnen. Im Gegenteil dazu schneidet die Theorie von Anders die individuelle und persönliche Problematik des Exilschriftstellers an. Diese Problematik, auch wenn sie sich gleichfalls beim Auftreten des Künstlers in der Öffentlichkeit zeigt, kann bei Anders nicht mehr als desideratum verstanden werden sondern als Lösung für einen Konflikt, der draußen entstanden ist, jenseits der Kontrolle des exilierten Individuums.
 
       
   
2.
Exil und Infantilismus in Kind aller Länder
 
         
   
In Kind aller Länder (1938) schildert Irmgard Keun die Erfahrungen der Familie eines deutschen Schriftstellers, der aus ideologischen Gründen Deutschland verlassen hat, zusammen mit seiner Frau Anne und mit seiner zehnjährigen Tochter Kully. Im Roman gibt es keine lineare Handlung, denn die Existenz der Exilierten kennzeichnet sich durch ein zielloses Bewegen, das nirgendwohin führt. Demnach werden im Buch die verschiedenen Exilstationen der Familie ohne chronologische Ordnung aneinandergereiht und von Kully, der kleinen Erzählerin, wiedergegeben. Der Alltag dieser Familie wird durch Unsicherheit, Angst, Provisionalität und Marginalität bestimmt, die das Leben der vor dem Hitlerregime Geflohenen ebenso charakterisieren. Die kindliche Perspektive der Erzählerin ermöglicht jedoch, dass auf der einen Seite die ernsten und manchmal sogar tragischen politischen und sozialen Umstände mit einem naiven und humorvollen Ton dargestellt werden, und dass auf der anderen Seite mittels dieser Erzählstrategie der Autorin eine scharfe, doch anscheinend unschuldige Kritik an diesem politischen Kontext gelingt.
 
       
   
Die Figur des Schriftstellers und Vaters der Erzählerin bringt in den Roman die ernste Reflexion ein, die manche Ereignisse fordern und die der kleinen Kully unmöglich wäre. In diesem Sinne ist er auch eine Erzählfigur. Außerdem sind viele Eindrücke und Deutungen von Kully Ergebnis der Überlegungen des Vaters, sodass eigentlich die vermittelte Perspektive zum großen Teil doch die des erwachsenen Schriftstellers ist. Anlässlich des Todes von einem Bekannten erklärt die kleine Erzählerin: “Mein Vater sagt, die deutsche Regierung sperre Menschen ein, ohne dass sie gestohlen haben. In solchen Ländern leben dann die Menschen nicht gern. (...) Mein Vater hat oft gesagt: ‘Die Toten sind glücklich, ihnen kann nichts mehr geschehen’” (Keun 1981:46-47)
 
       
   
Wir haben oben die Figur von Kullys Vater als erwachsen bezeichnet, um sie von der unreifen Ansicht des kleinen Mädchens zu unterscheiden. Jedoch ist die Erwachsenheit des Schriftstellers fast nur biologisch und entspricht ziemlich genau den Ausführungen von Günther Anders über den Infantilismus des Emigranten.
 
       
   
Zuerst wenden wir uns dem Berufsleben dieser Figur zu. Dazu sagt Kully: “Mein Vater schreibt für unseren Lebensunterhalt. In Ostende hat er ein neues Buch geschrieben, das aber nicht fertig geworden ist, weil wir so viel Sorgen haben” . Und kurz danach: “Ein regelmäßiges Leben stört seine Arbeit und ekelt ihn an” (Keun 1981:10). Die väterliche Figur wird als ein bohemhaftes, arbeitsträges Wesen dargestellt, für welches die Exilexistenz mal die Ursache für seine Arbeitsunfähigkeit, mal die notwendige Voraussetzung für ein kreatives Leben ist. Zwischen Schwankungen bleibt er jedenfalls untätig und verbringt seine Tage in den Cafés und dem Alkoholismus gewidmet. Nicht einmal als er in Nordamerika, das Land der Versprechen, auf einen neuen Anfang hofft, schafft er es. Seine verschwenderische Haltung verhindert auch, dass ihm die kleinen Glücksfälle ertragsreich sind (Keun 1981:188):
 
       
 
Mein Vater wollte Geschäfte machen, die nicht gelangen. Er bekam einmal Geld von einem kleinen Mann [...] Was nützte das schon? Mein Vater gab mir die Cents, die konnte ich in den Slotmaschinen verspielen, in diesen tausend Spielautomaten Amerikas, die ein Wunder sind. Die Dollars gab mein Vater armen Emigranten [...]. Ich glaube manchmal: auch mit Millionen Dollars wäre mein Vater nicht reich.
 
     
   
Ein weiteres Merkmal, das die zerbrochene Identität des Schriftstellers kennzeichnet und welches uns auch in der Beschreibung von Anders begegnet ist, ist das Bedürfnis vom ständigen Unterwegssein, das Kullys Vater aufweist: “Er hat Paris lieber als alle Städte der Welt. Woanders hält mein Vater es höchstens vier Wochen aus, in Paris hält er es drei Monate aus, aber länger auch nicht” (Keun 1981:124). Dieser Drang zum ständigen Abbrechen hat aber auch finanzielle Gründe: “Kaum, daß wir in einer Stadt angekommen sind, haben wir auch schon schreckliche Angst, daß wir nie wieder fortkommen werden. Vor allem weil wir nie Geld haben, sind wir jedesmal in jedem Hotel und in jeder Stadt gefangen und denken am ersten Tag schon wieder an unsere Befreiung” (Keun 1981:125).
 
       
   
Die Charakterisierung des Schriftstellers als ein Taugenichts wird zum Teil durch seine ergänzende Beschreibung als Intellektueller revidiert. Genauso wie bei dem Berufsemigranten von Anders ist seine absolute Untüchtigkeit für alltägliche Angelegenheiten das Ergebnis einer bewussten Ablehnung von jeder Anpassung oder vom Aufgeben des Kampfes gegen den Faschismus. Der Infantilismus auf der praktischen Ebene verbindet sich also mit einem reifen Idealismus, der auf der westeuropäischen humanistischen Tradition fusst. Sein politisches Bewusstsein und seine moralische Integrität treten dafür häufig im Roman zwischen den unschuldigen Betrachtungen Kullys zutage: “Alles Unheil der Welt beginnt mit der Angst. Ich sehe nicht ein, warum Menschen sich Gott als einen modernen Diktator vorstellen müssen, der die Leute mit Maulkörben und Handschellen im Kreis herumlaufen läßt. Der ganze Dreck in Deutschland konnte nur entstehen, weil man die Menschen dort seit ewigen Zeiten in Angst gehalten hat” (Keun 1981:117)¹.
 
       
   
Diese psychologische Reife bringt dem Schriftsteller gar nichts im Familienleben, wo er sich als völlig unverantwortlich zeigt. Sowohl seine verschwenderische Haltung als auch seine Unfähigkeit, die Ernährerfunktion zu erfüllen, oder die Unbeständigkeit seiner Gefühle und die Ablehnung jedes praktischen Aspektes verursachen nicht nur, dass seine Frau und seine Tochter in ständiger Not leben, sondern dass diese Merkmale die Angst und Unsicherheit der beiden Frauen noch vergrößern. Ein Beispiel dieser affektiven Unbeständigkeit liefert folgendes Zitat: “Mein Vater hat manchmal Liebe für uns, und manchmal hat er keine Liebe für uns. Da können wir gar nichts machen, meine Mutter und ich” (Keun 1981:24). Andererseits kontrastiert seine verschwenderische Art mit der vernünftigen Haltung der kleinen Tochter, die besser als ihr Vater über den Wert des Geldes Bescheid weiß: So bringt er Kully in ein luxuriöses Restaurant, wo er Caviar und Champagner bestellt, und anschließend lässt er die Tochter dort als Pfand zurück, während er Geld suchen geht, um die Rechnung zu bezahlen. Kully wartet und wartet im Restaurant und überlegt: “Ich habe nachgedacht, wieviel in diesem Restaurant alles gekostet hat und ob es mit einem ungezogenen Kind zu bezahlen wäre. [...] Wie lange muß ein Kind stillsitzen, damit eine Rechnung bezahlt ist?” (Keun 1981:15-16).
 
       
   
Caviar, teure Restaurants und Hotels – der Schriftsteller, der eine absolute Abscheu gegen jede Art von Seßhaftigkeit und Anbiederung behauptet zu haben, ist doch nicht so bohehmhaft, wie er vorgibt, sondern weist eine deutliche Vorliebe für den bürgerlichen Wohlstand auf. Genauso widersprüchlich wirkt seine außerordentlich gewissenlose und verschwenderische Haltung, denn, obwohl er sich untüchtig als Ernährer und als Verantwortungstragender erweist, besteht er jedoch auf seine Autorität und auf die Rolle des Familienhaupts. In diesem Sinne kann man bei dieser Figur erkennen, dass ihre rebellische Ablehnung des bürgerlichen Lebens eine Fassade ist, hinter der traditionelle androkratische Werte stecken. So behandelt er seine Frau voller Übermut und so als ob sie ein unmündiges Kind wäre: “Wenn du nicht so hoffnungslos blöd wärst Annchen” (Keun 1981:112). Es klingt komisch, wie er ihr Vorwürfe macht wegen ihrer angeblichen Untüchtigkeit für die Finanzen: “Entschuldige, aber du bist manchmal so leichtsinnig in Geldsachen, so daß ich wirklich an alles denken muß” (Keun 1981:60).
 
       
   
Zurückblickend auf Anders’ Darlegung ist die Verbindung, die er zwischen Erwachsensein und Macht aufzeigt, für unsere Analyse des Romans ausschlaggebend. Nach Anders hat der Erwachsene aufgrund seiner Selbständigkeit und Fähigkeit, das Leben in den Griff zu bekommen, eine gewisse Autorität, um andere zu schützen und für sie Verantwortung zu tragen. Der Verzicht auf diese Machtposition impliziert demnach eine Anklage von seiten des Exilliteraten gegen das herrschende System. Im Fall von Kullys Vater ist jedoch eine Präzisierung über seine nichtexistierende Erwachsenheit angemessen. Tatsächlich verfügt er nicht über diese Eigenschaft, er hat gleich dem Berufsemigranten von Anders auf das Erwachsensein verzichtet. Der Infantilismus stellt jedoch in seinem Fall nicht nur ein Protestakt dar, sondern führt gleichzeitig zur Illegitimierung seines Machtanstrebens. Denn ein Individuum, das sich nicht als Erwachsener ins Sozialleben einfügt, besitzt auch nicht die Autorität, die einer Schützerposition zugrunde liegt. Wenn also einerseits die Autorin mittels dieser Figur eine kritische Reflexion über den historischen Kontext und die Problematik des Exils schafft, kann man andererseits die Schriftstellerfigur auch als das Instrument betrachten, durch welches Irmgard Keun traditionell bürgerliche Machtstrukturen unterläuft und deautorisiert. Der erwachsene und männliche Mensch wird nämlich als Haupt der Sozial- und der Familienstruktur bei Keun nicht mehr berechtigt.
 
       
   
Wie endet diese Exilgeschichte Irmgard Keuns? Sie endet nicht. Wie die ganze Existenz im Exil führt sie nirgends hin. Die letzten Absätze des Romans zeigen die Familie wieder zusammen, nach der Phase in Amerika von Kully und ihrem Vater, und bilden eine Verteidigung des Exillebens. So sagt Kully (Keun 1981:210-211):
 
       
 
Manchmal habe ich Heimweh, aber immer nach einem anderen Land, das mir gerade einfällt. Manchmal denke ich an die singenden Autobusse an der Cote d’Azur, an eine Wiese bei Salzburg, die ein blaues Meer von Schwertlilien war, an die Weihnachtsbäume bei meiner Großmutter, an die Slotmaschinen in New York, an die Riesenmuscheln in Virginia und die Strohschlitten und den Schnee in Polen. Ich möchte aber nirgends hin, wenn meine Mutter nicht dabei ist. Richtiges Heimweh habe ich eigentlich nie. Und wenn mein Vater bei uns ist, schon gar nicht.
 
     
   
Die Heimat findet man also nicht, wo man geboren wird, sondern wo die geliebten Menschen sind. Die Wahl für das Exil ist die Wahl für die Meinungsfreiheit, für die Familie bzw. die Liebe und allgemein für humanitäre Werte. Der Topos des Infantilismus von Günther Anders vermittelt Irmgard Keun einen Weg, um ihren politischen Protest zu äußern und gleichzeitig um eine humorvolle Subversion der Machtstrukturen zu schaffen.
 
       

Bibliografía:

Anders, Günther, 1962. „Der Emigrant. Vitae, nicht vita“. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 16,7 (1962), S. 601-622. (=Anders 1962).


Feilchenfeldt Konrad, 1986. Deutsche Exilliteratur. Kommentar zu einer Epoche 1933-1945. München: Winkler, 1986. (=Feilchenfeldt 1986).


Keun, Irmgard, 1981. Kind aller Länder. Düsseldorf: Claasen, 1981 (=1938¹). (=Keun 1981).


Kokoschka, Oskar, 1975. Das schriftliche Werk. Bd. 3. Hg. Heinz Spielmann. Hamburg: Christians, 1975. (=Kokoschka 1975)


Mann, Thomas, 1968. Werke. Das essayistische Werk. Tagebuchausgabe in acht Bänden. Bd. 3: “Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosophie”. Hg. Hans Bürgin. Frankfurt/M: Fischer, 1968. (=Mann 1968).


Walter, Hans Albert, 1985. „Als ich wiederkam, da – kam ich nicht wieder“. In: Ich hatte einst ein schönes Vaterland: deutsche Literatur im Exil 1933-1945. Hg. Hans Albert Walter u. Günther Ochs. Aachen: Alano, 1985. S. 259-279. (=Walter 1985).



Notas:

1:
Weiter: “Schließlich ist ein Volk so versklavt und verkrüppelt durch Angst, daß es sich eine Regierung wählt, unter der es in Angst dienen kann. Und nicht genug damit: wenn es dann andere Völker sieht, die nicht darauf versessen sind, in Angst zu leben, ärgert es sich und sucht nun seinerseits, ihnen Angst zu machen. Zuerst haben sie Gott zu einer Art Diktator gemacht, jetzt brauchen sie ihn nicht mehr, weil sie einen besseren Diktator haben” (Keun 1981:118).
 

 



CARME BESCANSA LEIRÓS
Universidad del País Vasco • Facultad de Filología, Geografía e Historia
Departamento de Filología Inglesa, Alemana y de Traducción e Interpretación
Área de Filología Alemana
Paseo de la Universidad, 5
01006 Vitoria-Gasteiz
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