
| De: Das Stundenbuch. Drittes Buch: Das Buch von der Armut und vom Tode (1903) | ||
|
O Herr, gieb jedem seinen eignen Tod
Rainer Maria Rilke |
|
Da leben Menschen, weißerblühte, blasse, und sterben staunend an der schweren Welt. Und keiner sieht die klaffende Grimasse, zu der das Lächeln einer zarten Rasse in namenlosen Nächten sich entstellt |
||
|
Sie gehen umher, entwürdigt durch die Müh, sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen, und ihre Kleider werden welk an ihnen, und ihre schönen Hände altern früh. |
||
|
Die Menge drängt und denkt nicht sie zu schonen, obwohl sie etwas zögernd sind und schwach, - nur scheue Hunde, welche nirgends wohnen, gehn ihnen leise eine Weile nach |
||
|
Sie sind gegeben unter hundert Quäler, und, angeschrien von jeder Stunde Schlag, sie kreisen einsam um die Hospitäler und warten angstsvoll auf den Einlasstag |
||
|
Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Grüße sie in der Kindheit wundersam gestreift, - der kleine Tod, wie man ihn dort begreift; ihr eigener hängt grün und ohne Süße wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift |
||
|
O Herr, gieb jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not. |
||
|
Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht |
|
Viareggio, 15.4.1903 (Da leben Menschen, weißerblühte, blasse...); Viareggio: 16.4.1903 (Denn wir sind nur die Schale...) |