Friedrich Wilhelm Nietzsche
  Friedrich Wilhelm Nietzsche
Röcken bei Lützen (Saxònia), 15.10.1844-Weimar, 25.08.1900
 
     
 
 
     
     
  VEREINSAMT

Friedrich Nietzsche
 
       
  I. Abschied  
       
1.   Die Krähen schrei'n,  
  und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:  
  Bald wird es schnei'n —  
  wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!  
       
5.   Nun stehst du starr,  
  schaust rückwärts, ach, wie lange schon!  
  Was bist du, Narr,  
  vor Winters in die Welt entflohn?  
       
    Die Welt — ein Tor  
10. zu tausend Wüsten stumm und kalt!  
  Wer das verlor,  
  was du verlorst, macht nirgends halt.  
       
    Nun stehst du bleich,  
  zur Winter-Wanderschaft verflucht,  
15. dem Rauche gleich,  
  der stets nach kältern Himmeln sucht.  
       
    Flieg, Vogel, schnarr'  
  dein Lied im Wüstenvogelton!  
  Versteck', du Narr,  
20. dein blutend Herz in Eis und Hohn!  
       
    Die Krähen schrei'n  
  und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:  
  Bald wird es schnei'n —  
24. weh dem, der keine Heimat hat!  
       
  II. Antwort  
       
1.   Daß Gott erbarm'!  
  Der meint, ich sehnte mich zurück  
  in's deutsche Warm,  
  in's dumpfe deutsche Stuben-Glück!  
       
5.   Mein Freund, was hier  
  mich hemmt und hält, ist dein Verstand,  
  Mitleid mit dir!  
  Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!  
       
  tardor 1884 (Abschied) i 1898 (Antwort, aus: Gedichte und Sprüche)  
Traducció de treball al català:

L'Entotsolat

Les graules grallen
i migren amb vol baladrer cap a les ciutats.
Aviat nevarà:
Benaurat aquell que encara tingui llar!

I ara t'estàs aquí dret, emparpalat,
mirant enrere, ai las, quin temps fa ja que ho fas?
per què, enze, ets
fuit al món tot just abans de l'hivern?

El món — una porta
a mil deserts muts i freds!
El qui hagi perdut
el que tu has perdut, enlloc no tindrà on aturar-se.

Ara t'estàs aquí dret, tot pàŀlid
damnat a migrar en hivern,
talment el fum
que sempre cerca un cel més fred.

Vola, ocell, gralla
ta cançó amb la melodia dels ocells del desert!
Amaga, enze,
el teu cor sagnant en el glaç i les befes!

Les graules grallen
i migren amb vol baladrer cap a les ciutats.
Aviat nevarà:
ai de qui no tingui pas llar!

Mare de Déu santíssima!
Aqueix és del parer que em deleixo per tornar
a l'escalfor alemanya
a la petita, resclosida felicitat alemanya de les sales d'estar caldejades.

Amic meu, el que aquí
em refrena i reté, és el teu enteniment,
la compassió per tu,
la compassió per l'enteniment desentenimentat alemany.




Edició:
 
→ Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15. Bänden. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin: Walter de Gruyter / München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1980. Volum 11, pàgina 329: "Der Freigeist".
 
     

 

Comentari lingüístic:

ach:
ausruf des schmerzes, zuweilen der freude und gemischter empfindungen, heute unterschieden von ah!, dem des frohen staunens
 
 
ai las!
¡ay!.
 
 
entflohen:
→ entfliehen effugĕre
 
 
fugir, escapar
huir, escapar
 
 
erbarmen:
dass es Gott (=acusatiu) erbarme!, Gott erbarme es!, Gott erbarme!
 
 
Que Déu tingui pietat!, Mare-de-Déu santíssima!
¡piedad, Señor, piedad!, ¡Que Dios se compadezca de nosostros!
 
 
Freigeist, m:
liberioris judicii in rebus divinis
 
 
lliurepensador
librepensador.
 
 
Hohn, m:
4) die neuere sprache verbindet mit hohn den begriff der übermütig spottenden verachtung, ludibrium
 
 
escarn, befa, burla, sorna
escarnio, menosprecio, desdén, mofa.
 
 
Krähe, f:
Saatkrähe: Corvus frugilegus frugilegus. In jedem Herbst machen die Saatkrähen wieder von sich reden. In riesigen Schwärmen fallen sie - oft vergesellschaftet mit Dohlen - in Deutschland ein.
 
 
graula, gralla [pelada] (Bal)
graja, grajo
 
 
Narr, m:
stultus, bardus, tor <...> c) der narr bildet zunächst wie der thor den gegensatz zu einer weisen, witzigen, klugen, gescheiden, verständigen, vernünftigen person
 
 
nici, enze
necio
 
 
nirgends:
nirgendwo, an keinem Ort, an keiner Stelle
 
 
enlloc
en ningún sitio
 
 
Querverstand, m:
α] aufsässiges Denken, sich nicht anpassender Verstand, Denken, das in eine Gegenrichtung zum "normalen" Denken geht oder von ihm abweicht; β] gegen den Strich denken: was ihn in deutschland hält, ist das mitleid mit den komplizierten denkern, die nix kapieren
 
 
α] contra-raó, inteŀligència que va en contra de les opinions considerades "normals" o se'n desvia; β] inteŀligència desentenimentada, inteŀligència esbiaixada
α] contra-razón, inteligencia que va en la dirección contraria a la "general" o desviada de ella; β] inteligencia desatinada, inteligencia sesgada
 
 
schnarren:
3) von manchen vögeln, vgl. schnarre 3: der schwarzspecht schnarrt, wenn er mit seinem schnabel so hart an die dürren bäume schlägt, dasz es einen zitternden laut gibt. ADELUNG. JACOBSSON 4, 15b; andere vögel schnarren nur mit ihrer stimme, wie mistler, schnarrenten ADELUNG; so sagt man schnarren oder schwirren in der waidmannssprache von dem eigenthümlichen laute der schnepfe beim streichen. BEHLEN 5, 511; vergl.: der wunderlich schnarrende ton eines wachtelkönigs, der sich eben hören liesz. LUDWIG 2, 73.
 
 
grallar, cuclejar
graznar, chirriar.
 
 
schreien:
1) die natürliche stimme von thieren bezeichnend. die ältere sprache und die mundarten bewegen sich freier als die ausgebildete nhd. schriftsprache, die abgesehen vom weidmännischen gebrauch schreien mit gröszerer einschränkung auf die natürliche stimme von thieren bezieht, nicht z. b. auf dumpfe, tiefe, volle laute wie die einer kuh, eines löwen, eines pferdes u. s. w.; auch tritt vielfach der nebensinn des scharfen, schrillen, kreischenden (z. b. bei krähen, eulen, gänsen, möwen u. a.) hinzu, während in älterer sprache z. b. der helle gesang der vögel (noch bei GÜNTHER) als schreien bezeichnet wird. <...> [Bd. 15, Sp. 1713] von krähen und raben.
 
 
grallar, cuclejar
graznar, chirriar.
 
 
schwirren (v. 2, 22):
gen. sg. m., en pronúncia saxona, de → schwirrenden, participi de present de → schwirren: 2) von lebewesen. a) STIELER bemerkt: etiam est vox hirundinum et exponitur: trinsare, alias tschirren, et tschirpen, zizinulare. 1986. der begriff der bewegung scheint da ganz zurückzutreten wie auch in der folgenden, diesen gebrauch veranschaulichenden stelle: etliche leben wie die schwalben, welche den ganzen tag in der luft hin und wieder streichen und nichts thun, als dasz sie etwa schwirren, einige mücken fangen und etwa ein nest aus koth gemacht hinterlassen. SCRIVER seelensch. (1684) 755. aber es ist der laut gemeint, den die schwalben im fluge hören lassen. bei KRAMER deutsch-ital. dict. 2 (1702), 726b wird schwirren erklärt squirrare, sguirrare, sfischiare per aria come fanno le rondini und als beispiel gegeben: die schwalben schwirren durch die luft. da ist der begriff der bewegung deutlich erkennbar: sie fliegen mit eigenthümlichem laut durch die luft. so erscheint denn das wort auch später von fliegenden vögeln gebraucht, wobei nicht immer zu erkennen ist, ob ein laut gemeint sei, der mit dem schnabel hervorgebracht wird oder ein geräusch der flügel, und manchmal mehr der laut, manchmal mehr die bewegung betont wird. am meisten von der lerche, die wie die schwalbe im fluge zwitschert: <...> c) in anlehnung an solchen gebrauch auch von personen. α) meist von einer menge, die sich einem insektenschwarm ähnlich sprechend und lachend durcheinander bewegt.
 
 
schwirrenden Flugs: amb vol brogent
schwirrenden Flugs: con vuelo ruidoso
 
 
starr:
unbeweglich, erstarrt, regungslos.
 
 
test -a, paralitzat -ada, emparpalat -ada, ert -a, tibat -ada, immòbil, [dret i] rígid -a
rígido -a, tieso, inmóvil, paralizado -a, yerto -a (por el espanto o la sorpresa del invierno que se le echa encima)
 
 
Stuben-Glück, n:
Glück, das man im kleinen, gemütlichen Stubenleben finden kann
 
 
petita felicitat de portes endins
pequeña felicidad de puertas adentro
 
 
Ton, m:
g) der ton eines liedes und eines musikstückes überhaupt ist seine melodie, singweise
 
 
tonada, melodia.
tonada, melodía
 
 
vereinsamt:
in einsamkeit geraten, verlassen worden
 
 
isolat -ada, entotsolat -ada, solitari -ària
solitario -a
 
 
verflucht, zuD:
verdammt zu
 
 
damnat -ada a <+inf>, maleït -ïda a <+inf>
condenado -a a <+inf>, obligado -a <+inf>
 
 
Verstand, m:
3) der dem einzelnen verliehene grad von geistigen fähigkeiten, geistesschärfe, einsicht, umsicht, überlegung, urtheil.
 
 
seny, inteŀligència
razón, inteligencia
 
 
vor Winters:
vor eintritt des winters
 
 
abans de l'hivern
antes del invierno.
 
 
warm:
10) das substantivirte neutrum das warme (vgl. auch das kalte th. 5, 86) kann: a) z. b. warme kleidung, die wärme des körpers, der sonne, der stube, des ofens u. s. w. bezeichnen: <...> c) es zeigen sich auch ansätze zu einem neutr. warm (s. kalt, n. th. 5, 85), das aber vereinzelt bleibt. bei den älteren nhd. belegen kann auch abfall des endungs-e vorliegen (Grimm Bd. 27, Sp. 2045 cita, com a exemple de das Warm, la primera estrofa de Antwort.
 
 
escalfor <f>
calor <m> [del hogar], calidez <f>.
 
 
was:
(v. 7) aus welchem Grund?, weshalb?
 
 
per què?.
¿por qué?
 
 
weh +D:
2) relativ spät wird die alte verwünschung 'verderben dem ...' umgelenkt in die mildere meinung 'unglücklich der ...' das unheil des angesprochenen wird nicht mehr gewünscht, sondern mit antheil festgestellt, die erregung des sprechenden wandelt sich aus zorn in bedauern (="bedauerndes" weh).
 
 
ai de!
¡Ay de!
 
 
wie:
(v. 6) seit wann?
 
 
d'ençà de quan? (indicant que fa molt de temps que ho fa)
¿des cuándo?, ¿cuánto tiempo hace ya que...?
 
 
Winter-Wanderschaft, f:
peregrinatio hiemalis, migratio hiemalis, viaticus hiemalis
 
 
pelegrinatge d'hivern, viatge (a peu) en hivern, nomadisme
viaje de invierno, peregrinación de invierno
 
 
wohl dem...:
1) bei segens- und anwünschung ahd. und mhd. mit folgendem acc. der person (belege a. a. o.), seltener mit dat. der person. es kann auch gen. der sache hinzutreten (wol mich des traumes Milst. gen. 81, 5 Diemer). nhd. nur mit dat. der person (und eventuell gen. der sache): glück hat derjenige, der...
 
 
benaurat el qui..., sortat el qui...
feliz el que
 
 
Wüstenvogel, m:
vogel der wüste
 
 
ocell del desert, ocell dels deserts
pájaro del desierto, pájaro de los desiertos
 
 


Comentari mètric:
 
1. Composició estructurada en sis estrofes.
 
     
 
2. Cada estrofa consta de quatre versos.
 
     
 
3. Els versos senars són tetrasíŀlabs (mètricament, pentasíŀlabs), els parells, octosíŀlabs (mètricament, enneasíŀlabs).
 
     
 
4. Les estrofes presenten rima creuada (alemany: Kreuzreim) en consonant: a b a b. La rima, tant en els versos senars com en els parells, és sempre masculina.
 
     
 
5. Nietzsche hi utilitza profusament l'aŀliteració, sense, però recuperar-la per a la construcció dels versos (cf. aŀliteració a les llengües germàniques antigues o a Wagner): schrein - schwirren - Stadt - schnein. Tanmateix, versos com ara el cinquè (Nun stehst du starr) semblen ésser versos alŀliteratius en la millor tradició germànica.
 
     
 
6. Els versos presenten una estructura rítmica iàmbica:
 
     
 
Esquema dels versos senars: ˘ / ˘ /
 
  Esquema dels versos parells: ˘ / ˘ / ˘ / ˘ /  
     
 
Exemple:
Die Krä|hen schrein
und zie|hen schwi|rren Flugs | zur Stadt