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Unsagbarkeit und Autorin
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Der Ausdruck des weiblichen Unbehagens in der Romantik
CARME BESCANSA LEIRÓS
UNIVERSIDADE DE SANTIAGO DE COMPOSTELA
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Es ist allgemein bekannt, dass die Geschichte der Frauen sich durch ihre Gesichts- und Geschichtslosigkeit kennzeichnet, wie Becker-Cantarino es formuliert 1. Dabei fällt auf, daß gerade in der Zeit, als die Frauen sich zum ersten Mal in Deutschland nicht nur in vereinzelten Fällen Zutritt zum literarischen Bereich verschaffen, das Vertrauen der männlichen Intelektuellen zur Sprache als wirksamem Ausdrucksmittel in eine Krise geraten ist: die Unsagbarkeit erscheint als Topos bereits in Bezug auf Werke der Antike und des Mittelalters, erhält aber wirklich höchste Bedeutung erst im Rahmen der romantischen Weltauffassung des 19. Jh. 2. |
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Die Besonderheit der weiblichen Teilnahme am öffentlichen bzw. Kulturleben zu dieser Zeit öffnet gleich mehreren Autorinnen eine Ausdrucksmöglichkeit. Unter anderem gehören Rahel Varnhagen, Bettina von Arnheim, Karoline von Günderrode zu jenen Frauen, die etwas bewirkt haben: im besonderen Kontext der Romantik haben sie die ersten schriftlichen Zeichen gegen ein System gesetzt, das die Selbstbehauptung der Frauen als autonome Menschen negiert. In diesem Zusammenhang stellen sie eine mögliche Referenz für die Entwicklung des weiblichen Selbstbewußtwerdungsprozesses und für die Entstehung der feministischen Bewegung dar. |
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SKIZZIERUNG DER SPRACH- UND FRAUENPROBLEMATIK IN DER ROMANTIK
Der deutschen Misere bzw. der Ohnmacht des Bürgers im politischen Milieu steht ein Aufblühen im Bereich der Innerlichkeit gegenüber: die Sphäre der individuellen Empfindungen wird als Raum der Wirklichkeit gegenüber der betrügerischen Aussenwelt wahrgenommen. Diese Spaltung zwischen Sein und Schein, die die romantische Periode kennzeichnet, findet den philosophischen Niederschlag im kantschen Dualismus. Der Verlust der klassischen Einheit des Menschen mit der Natur verursacht die charakteristische Identitätskrise des Romantikers. Selbst die Sprache unterliegt dem Dualismus der Zeit: sie verliert ihre kommunikative Funktion, sie wird untauglich zur Verbindung von Aussen und Innen, denn ihr universeller Charakter macht die Vermittlung von individuellen Stimmungen unmöglich. Ferner erleidet sie, wie die ganze Existenz, eine Aufspaltung: a) in eine wahre Sprache, die poetische Sprache, die der oberen Sphäre des Seins entspricht, wo die Einheit zwischen Mensch und Natur aufrechterhalten wird und die Sprache spontaner Subjektivitätsausdruck ist; und b) in eine gewöhnliche Sprache, der Diktatur der Vernunft und der Konvention verhaftet, die in der Erscheinungswelt des Alltags herrscht.
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Parallel zu dieser Sprachdualität lässt sich eine Unterscheidung zwischen reflexiver und ästhetischer Subjektivität in Betracht ziehen, die K. H. Bohrer in seiner Untersuchung des romantischen Briefes aufstellt. Die Briefgattung erlangt Anfang des 19.Jh. eine ausserordentliche Rolle, denn sie dient als Raum für die Selbstanalyse und Selbstbehauptung einer Identität in Krise und für deren Kommunikation mit einem Du, welches ansonsten unmöglich ist in dieser Scheinwelt. Die reflexive Subjektivität wird vom Individuum im Selbsterkennungsprozess mittels der Briefe entwickelt. Wenn es sich aber um ein schwankendes Ich handelt, könnte seine Auslegung zu einem Du diese zerbrechliche Identität zerstören; daher greift es zu einer fiktiven ästhetischen Subjektivität, als Schutzschild. „...insofern ist die poetische Imagination ein paradoxaler Akt der Selbstbewahrung: er entsteht aus der Krise des Ichs, es gelangt aber zu einem anderen Ich“. Dieses neue Ich ist „die Summe imaginativer Vorstellungen, die aus der Krise entstehen“3. |
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Es lässt sich also feststellen, dass der Dualismus nicht nur das Weltbild sondern sogar die Sprach- und Subjektauffassung der Romantik prägt. Diese drei genannten Ebenen stehen ihrerseits in engem Zusammenhang miteinander: auf der einen Seite steht die poetische Sprache, Ausdruck der Innerlichkeit und Instrument für den Zugang zur idealen Sphäre der Einheit mit der Natur, zur Welt des Seins, wo eine ästhetische bzw. von der Realität entfremdete Identität hingehört; und auf der anderen Seite steht die prosaische Sprache, konventionell und alltäglich, unfähig für die Selbstäusserung, trotzdem Kommunikationsmittel eines reflexiven realen Subjekts in der gewöhnlichen Erscheinungswelt. |
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Zu diesem Punkt der Auslegung gehört bereits eine genauere Bestimmung vom Konzept der Unsagbarkeit. Erstens besteht eine Untauglichkeit der konventionellen Sprache für den Ausdruck der individuellen Innerlichkeit. Sie hat zwei mögliche Folgen: entweder die Unterdrückung dieser Innerlichkeit bzw. ihr Schweigen, damit das Subjekt sich in die Aussenwelt integrieren kann, oder die Flucht des Ichs zu einer fiktiven aber angenehmeren ästhetischen Welt. Zweitens existiert auch die Unsagbarkeit der poetischen Sprache, welche eigentlich als Lösung für die Unfähigkeit der konventionellen entworfen worden war. Ihre Existenz selbst impliziert die Unmöglichkeit der Versöhnung zwischen Innen und Aussen, und obwohl sie nur im idealen Bereich herrscht, vermag sie auch dort nicht die subjektive Stimmung mitzuteilen, denn da ist kein Platz für einen Du-Hörer. |
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Der romantische Dualismus bestimmt auch die Vorstellungen über das weibliche Geschlecht von seiten der männlichen Intellektuellen der Zeit: einerseits wird die Frau als Natur, als Wesen in Einheit mit der Gottheit, mit dem Ewig-Absolutem idealisiert. Sie erfüllt ihre Funktion am Leben einfach indem sie existiert, und damit wird ihr Ausschluss vom politischen und sozialökonomischen Bereich begründet. Im Gegensatz zu ihr wird der Mann wegen seiner Unvollkommenheit zur Aktivität verurteilt, um mittels seines Schaffens in Politik und Wirtschaft seine existenzielle Bestimmung zu erfüllen. Andererseits wird das weibliche Wesen im praktischen Leben dem Mann untergeordnet, in den Rollen der Mutter, Ehefrau und Hausfrau. Sie erhält ihre Identität also immer in Bezug auf den Mann. |
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In diesem Zwischenspiel von Idealisierung und Subordinierung bewegt sich die Frau Anfang des 19. Jh. Um die Reinheit ihres Naturcharakters und ihre Vollkommenheit zu bewahren, wird sie in den privaten Raum eingesperrt, von jeder Erziehung und öffentlichen Tätigkeit entfernt, und dem Dienst von Haus und Mann gewidmet. Auch wenn die Romantiker für eine Aufwertung der Liebe als Grundelement der Ehe und für eine relative Gleichstellung der Partner plädierten, bleibt im Grunde die Situation unverändert: die Frau verkörpert jetzt die Liebe selbst (Niveau der Idealisation) und realisiert ihre Hingabe und Selbstopferung aus Liebe (Niveau der Subordination). |
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Jedoch fordert die romantische Aufwertung der Innerlichkeit und deren Gefühle, traditionell als weiblicher Bereich angesehen, zur Poetisierung bzw. Feminisierung der Welt auf. Dies brachte eine Debatte über das weibliche Element mit sich, und was noch wichtiger ist, ermöglichte den Zugang einiger weniger Frauen zum öffentlichen literarischen Milieu. Es waren in der Tat Sonderfälle, die in Verbindung mit der Kulturwelt standen, meistens dank ihrer Verwandtschaft mit Intellektuellen und Künstlern der Zeit. Gute Beispiele sind Varnhagen, Arnim oder Caroline Schlegel-Schelling. Hauptsächlich mittels der literarischen Salons und der Korrespondenz per Brief schufen sie sich einen Raum für ihren individuellen Ausdruck und einige sogar durch ihre literarische Tätigkeit, wie Günderrode oder Sophie Mereau-Brentano. |
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Ich habe mich für die Briefgattung entschieden, denn sie scheint mir das geeignetste Untersuchungsfeld für die Analyse der Identitäts- und Sprachkrise im konkreten Fall weiblicher Schriftstellerinnen. Die beiden von mir ausgewählten, Karoline von Günderrode und Caroline Schlegel-Schelling, stehen für zwei verschiedene Formen, die die Unsagbarkeit der Sprache sowie die Rebellion gegen diese Sprache und gegen die dahinterstehende Welt- und Frauenvorstellung annehmen können. |
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GÜNDERRODE
Strenges Leben und Zurückgezogenheit kennzeichnen die Existenz dieser Autorin. Um ihre Isoliertheit zu überwinden findet sie in den Briefen ein Kommunikationsmittel zur Aussenwelt und in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit einen Sinn für ihr Leben. In Sachen Männer hat sie keinen Erfolg: für Clemens Brentano besitzt sie einen „männlichen“ reflexiven Charakter, F.K.von Savigny findet ihren Geist zu selbständig und F.Creuzer ist misstrauisch gegenüber Günderrodes Verachtung der gesellschaftlichen Normen. Alle drei bevorzugen Frauen, die sich eher den Bedürfnissen und Wünschen des Mannes anpassen bzw. unterordnen. Die Hoffnungslosigkeit nach dem Verlust der Liebe Creuzers zusammen mit der absoluten Einsamkeit ihres Lebens und dem Bewußtsein von ihrer Andersartigkeit und von der Unmöglichkeit der Verwirklichung ihrer Wünsche führen zur Entscheidung Günderrodes für den Freitod.
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Ich fühlte mich so beschränkt im äußern so verstimmt im Innern“4. Ihr Wunsch nach Selbstverwirklichung kann nicht in einem Kontext vollzogen werden, wo Frauen keinen Zugang zu einer Subjektbildung und zur Aktivität haben. Diese Kluft zwischen äusserer Realität und ihrer Innerlichkeit führt zu einer Identitätskrise: Günderrode erlebt ihr Frau-Sein als einen Naturfehler, unvereinbar mit ihren eigenen „männlichen“ Wünschen nach Handeln und Selbstbehauptung. „Warum ward ich kein Mann! ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges aber unverbesserliches Mißverständnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib, und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, so uneins mit mir“5. Die Autorin erleidet die romantische Spaltung zugleich auf dreierlei Weise: erstens die Trennung zwischen Aussen und Innen, zwischen Konvention und Freiheitssucht; zweitens die Trennung zwischen Männlich-rationell und Weiblich-sensitiv: Günderrode ist als Frau auf die Gefühlsebene, jedoch als Schriftstellerin auf die Vernunftebene angewiesen; und drittens der Missklang zwischen der idealen Frau in Harmonie mit dem All, bzw. der Neigung zur Selbständigkeit, und der traditionellen Rolle der Unterordnung dem Mann bzw. ihrem Durst nach Zugehörigkeit zum männlichen Partner. |
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Der Dualismus, der die ganze Existenz bestimmt, betrifft auch die Sprache. Günderrode findet sie unzuverlässig zum Ausdruck des Ichs; das Leben, nicht die Wörter, zeugen von der Wahrheit: „Mein Leben möge mich rechtfertigen, nicht meine Worte“6. Die Klimax der Empfindung wird durch das Schweigen ausgedrückt, welches eine größere Tiefe und Aussagekraft als die Sprache besitzt. Diese ist ausserdem mit ihrem starren Charakter unfähig, die sich stets ändernde Wahrheit wiederzugeben und die Unbeständigkeit der in eine Krise geratenen Identität Günderrodes darzustellen. Der Brief als Ausdrucksraum einer auf dem Papier „verewigten“ Subjektivität erweist sich dann auch als Raum für die Herausbildung eines ästhetischen Ichs: „Ich trage meistens ein stilles Kämmerlein in meinem Gemüte herum, in diesem lebe ich ein eignes, abgesondertes, glückliches Leben“7. Jedoch kann diese fiktive ideale Welt der Literatur und der Briefe (wo sie die Liebesbeziehung zu Creuzer idealisiert) nicht aufrechterhalten werden. Die konventionelle Sprache selbst, als Instrument der Vernunft, zerstört diese Phantasiegebilde; die Entfernung zwischen dem sprachlichen Ausdruck Günderrodes und Creuzers zwingt die Frau dazu, die Realität einzusehen: „Ihr Brief, den ich kürzlich erhielt, hat nachmittags mich so fremd angesehen, und ich konnte weder seine Sprache noch seine Blicke recht verstehen.(...) Ich verstehe diese Vernünftigkeit nicht“8. |
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Am Ende ist das endgültige Schweigen, der Tod, das beste Zeichen der Unfähigkeit der Sprache (sowohl konventionell als auch poetisch), um einem Leben das nötige Ausdrucksmittel oder einen Zugangsweg zu anderen Menschen zu verschaffen. Aber zugleich impliziert dieses Schweigen den aussagekräftigsten Protest gegen eine Existenzweise, die sich durch Leere und aufgezwungene Selbstaufgabe kennzeichnet. Günderrode zeigt noch kein Bewußtsein von der Ungerechtigkeit der weiblichen Situation in der Gesellschaft. Ihr Unbehagen wird als Krankheit und nicht als Folge eines sozialen Systems verstanden, das Frauen vorsätzlich annuliert. Ihre Klage kann deshalb nicht mit Worten bewußt artikuliert werden, sondern am besten mit einer Tat: der frei entschiedene, selbstgewählte Tod ist das beste Zeichen der Selbstbehauptung der Autorin gegenüber der Gesellschaft. |
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CAROLINE MICHAELIS-SCHLEGEL-SCHELLING
Im Vergleich zur vorigen Autorin hat diese eine ereignisreiche und intensiv gesellige Existenz. Dass sie kaum literarische Arbeiten und fast nur ihre Korrespondenz hinterlassen hat, zeugt von ihrer vitalistischen Einstellung. Die Spaltung Schlegel-Schellings zwischen ihrer Neigung zur Freiheit bzw. Selbständigkeit und ihrer Akzeptanz und Beachtung der sozialen Konventionen wird ihren ganzen Lebenslauf kennzeichnen. Allmählich wird sie sich aber mit ihrem „weiblichen“ Schicksal abfinden: „fiel mir auch in den ersten Zeiten wohl der Gedanke ein warum mußt Du hier Deine Jugend verleben, warum Du hier vor so vielen andern; und vor manchen doch fähig eine größre Rolle zu spielen, zu höhern Hoffnungen berechtigt? Das war aber Eitelkeit. Jetzt sagt mir mein Stolz, was ich habe ist mir gegeben, diese Situation zu tragen, mich selbst zu tragen (...) Durch Interesse an Dingen außer mir, durch Betrachtung, durch Mutterschaft, durch alles was ich tu, genieß ich mein Dasein“9. Die Annahme dieser passiven Rolle ist die unabänderliche Voraussetzung für die Integration in die Gesellschaft. Bei Schlegel-Schelling ist dieser äussere Einfluss sehr stark, wie sich in ihrer Meinung über die Frau und deren sozialen Rolle zeigt: Selbstlosigkeit und Passivität sowie Mutterschaft werden als wesentliche Bestimmung der Frau gesehen.
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Diese Spaltung des Ichs zwischen dem Wunsch nach einer aktiven kreativen Existenz und der notwendigen Anpassung hat eine Korrelation in der Sprachauffassung Schlegel-Schellings: Sprache als Streben nach Kommunikation oder als Lüge. Einerseits sucht sie den Ausdruck ihrer Innerlichkeit, doch die Sprache erweist sich ungenügend dafür: „... daß ich nie Worte genug werde finden, die Dir ganz das sagten, was mein dankbares Herz für Dich fühlt!“10. Statt dessen ist das Schweigen das ausdrucksvollste Mittel für die Äusserung der Intensität der Stimmung: „Ich will aber auch mein frohes Gefühl nicht durch solche Reflexionen entweihen“11. Erst im Nichts-Sagen äussert sich die Wahrheit des Ichs. Andererseits wird die Sprache als Instrument für die Lüge und Verstellung der Wahrheit benutzt, nicht nur von der schwätzerischen Gesellchaft, sondern auch von Schlegel-Schelling selbst, um ihr rebellisches freiheitssüchtiges Ich zu stillen oder mindestens zu maskieren. Denn, um soziale Akzeptanz zu gewinnen, muss sie eine „anständige“ Frau sein, bzw. dem weiblichen Muster der passiven rührseligen Mutter entsprechen: „Ich bin ja niemals eine unnatürliche Heldin, nur immer ein Weib gewesen ohne zu erliegen fühlt ich alles weich machte mich nur der Anblick meines Kindes“12. |
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Immer mehr gelingt der Autorin die Anpassung an die äusseren Ansprüche bzw. die Unterdrückung ihrer Subjektivität mittels der Sprache. Die letzten Jahre verbringt die Autorin ganz der Liebe zu ihrem Mann Schelling hingegeben. Die Briefe reden dann nur noch von äusseren Begebenheiten oder von „angemessenen“ weiblichen Gefühlen (als liebende Gattin). Am Ende gelingt es ihr, ihr Inneres zugunsten der sozialen Erwartungen zum Schweigen zu bringen. |
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Trotzdem kann man die Existenz Schlegel-Schellings im Gesamtbild nicht als traditionell oder gewöhnlich betrachten. Sie verkehrte in den aktivsten öffentlichen Kreisen ihrer Zeit (mit den Jakobinern in Mainz, in der Jenaer Gruppe oder überhaupt mit den hervorragendsten Künstlern und Denkern der Epoche) bis zu ihrer ruhigeren letzten Lebensphase. Ihr Leben war bestimmt unkonventionell, trotz ihrer Versuche, es als „weiblich“ und „anständig“ mittels der Sprache zu verkleiden. Ihre Sprache ist also Zeichen ihrer Anpassungsversuche, doch ihre wahre Innerlichkeit äussert sie am besten im Schweigen. Die Unsagbarkeit der Sprache wird hier durch die „Sagbarkeit“ des Lebens selbst betont. |
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SCHLUSSBETRACHTUNG
Die Unsagbarkeit hat bei den Autorinnen der Romantik einen anderen Ursprung und auch andere Merkmale als bei ihren männlichen Kollegen. Für die letztgenannten ist die Trennung von Ich und Natur bestimmend, denn daraus entsteht die Unfähigkeit der Sprache als Brücke zwischen Aussen und Innen. Die Sprache verliert ihre kommunikative Funktion und spiegelt diese Spaltung wider. Für die Frauen liegt der Kern des Problems in ihrem aufgezwungenen Ausschluss vom Bereich der Vernunft und der Gesellschaft. Sie sind in der „natürlichen“ Sphäre der Empfindungen, der Un-Vernunft und der Häuslichkeit isoliert, so dass ihr Unbehagen nicht das Ergebnis der verlorenen Einheit mit der Natur, sondern die Folge ihrer Ankettung exklusiv an die Natur ist. Die Unmöglichkeit des Ausdrucks wurzelt bei ihnen nicht so sehr in einem philosophischen sondern eher in einem sozialen Problem: dem privaten Raum zugewiesen, bleibt ihnen der Bereich der Vernunft, d.h. jede politische oder öffentliche Tätigkeit, aber auch dessen Instrument, die Sprache, entsagt.
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Trotzdem gelingt es den hier behandelten Autorinnen mit Hilfe unkonventioneller Mittel ihrem Leben und implizit ihrem Widerstand gegen die traditionelle Frauenrolle Ausdruck zu geben: die literarische Aktivität von Günderrode und die Teilnahme Schlegel-Schellings am politischen und öffentlichen Leben der Zeit, sowie die Briefe von beiden, in denen sie das Scheitern ihrer Anpassungsversuche darstellen, zeugen davon. Am Ende äussert sich der Ausdruck ihres Schweigens im Tod und im Unterordnen dem Mann als letztendlcih effektives wenn auch sprachloses Mittel für den frühen Beleg der Ohnmacht der Frauen. |
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Bibliografía:
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Becker-Cantarino, B.: Die Frau von der Reformation zur Romantik. Bonn, 1987.
Behrens, K.(hrsg.): Frauenbriefe der Romantik. Frankfurt/M, 1981.
Bohrer, K.H.: Der romantische Brief. Die Entstehung romantischer Subjektivität. Frankfurt/M, 1987.
Curtius, E.R.: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern, 1967 (zum Unsagbarkeitstopos, S.168-171).
Damm, S. (hrsg.): „Lieber Freund, ich komme weit her schon an diesem frühen Morgen“. Caroline Schlegel-Schelling in ihren Briefen. Darmstadt/Neuwied, 1980.
Wolf, C.(hrsg.): Karoline von Günderrode. Der Schatten eines Traumes. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Darmstadt, 1981.
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Notas:
| 1: |
Becker-Cantarino, Barbara: Die Frau von der Reformation zur Romantik. Bonn, 1987. |
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| 2: |
Curtius, E.R.: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern, 1967. Zum Unsagbarkeitstopos: S.168-171. |
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| 3: |
Bohrer, K.H.: Der romantische Brief. Die Entstehung romantischer Subjektivität. Frankfurt/M, 1987. S.227. |
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| 4: |
Brief an Gunda Brentano, 19.8.1801. |
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| 5: |
Brief an Gunda Brentano, 29.8.1801. |
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| 6: |
Brief an Creuzer, 6.10.1805. |
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| 7: |
Brief an Savigny, 3.1.1804. |
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| 8: |
Brief an Creuzer, 22.3.1805. |
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| 9: |
Brief an Lotte Michaelis, 28.5.1786. |
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| 10: |
Brief an Luise Stieler, 7.10.1778. |
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| 11: |
Brief an Meyer, 9.12.1793. |
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| 12: |
Brief an Meyer, 15.6.1793. |
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