Bernhard Schlincks Der Vorleser:
zwischen Hermeneutik und Kritik
 
BERND SPRINGER
Universitat Autònoma de Barcelona

Bernhard Schlincks internationaler Bestseller “Der Vorleser” hat es nicht nur in den Verkaufslisten weit gebracht, sondern ist sogar als Pflichtlektüre bis in die Schulen vorgedrungen. Doch in England ist das Buch zum Gegenstand einer heftigen Kontroverse geworden. “Kulturpornographie”, Klischees, Halbwahrheiten und Verdrehungen, Verwandlung einer Massenmörderin in eine Heilige, moralische Perversion, Zynismus, postmoderner Brei u.a.m. wird Schlinck vorgeworfen. Wo solche Hasstiraden den Weg ins Feuilleton finden, steigt der Verdacht auf, dass es hier nicht mehr um ästhetische Kriterien geht.

Der Roman selber präsentiert eine ehemalige KZ-Aufseherin zwischen Strafverfolgung und Liebesgeschichte. Er bringt damit nicht nur den Vorleser im Buch, sondern auch den Leser des Buches in den moralischen Konflikt zwischen Verstehen und Verurteilen. Gleichzeitig weist so die Literatur über sich selber hinaus: als Ästhetik zwischen Hermeneutik und Kritik.


Bernd Springer