Lothar Pikulik

Goethe im Urteil Schillers-Schiller im Urteil Goethes

Universität Trier

 

Das gespannte und später freundschaftliche Verhältnis der beiden "Klassiker" ist oft bescrieben, oft auch verklärt worden. Ein frischer und zugleich kritischer Blick auf die einschlägigen Zeugnisse aus der Perspektive neu gewonnener Forschungsergebnisse vermag vielleicht aber zu einer Neubewertung dieser seltsamen Polarität kommen. Es geht zum ersten um die Frage, welches Bild sich der eine vom anderen machte; zum zweiten, ob nicht, wie bei jeder solchen Konstruktion, eine Verfälschung der Wahrheit das Ergbnis war; zum dritten, ob nicht diese Verzerrungen unsere eigene Rezeption von Goethe und Schiller prägen. Um nur die populärste dieser problematischen Deutungen zu erwähnen: Goethe - der "Realist", Schiller - der " Idealist", das sind vermutlich keine naturwahren Porträts der beiden, sondern irreführende Klischees, von denen man sich verabschieden sollte. Im Hintergrund steht letzlich die elementare Frage, die sowohl das Verhältnis von Individuen wie von Kulturen betrifft: Was kann der eine vom anderen überhaupt wissen, vorausgesetzt, dass jeder im tiefsten ein Geheimnis ist.

Prof. Dr. Lothar Pikulik