Marino Freschi

Die vielen Leiden des jungen Werther

Universität Rom

 

Warum war Goethe während seines römischen Aufenthaltes von 1786 bis 1788 peinlichst darauf bedacht, sein Inkognito zu wahren? Warum war der österreichische Geheimdienst so argwöhnisch und neugierig gegenüber diesem unglaubwürdigen Philipp Moeller, "deutscher Maler"? Und warum gab sich Goethe in Neapel zu erkennen und wurde dort mit allen Ehren von den Adeligen und aufgeklärten Intellektuellen empfangen? Eine mögliche Antwort liegt in der aufsehenerregenden Rezeption jenes weit zurückliegenden Jugendromans, des Werthers, der als authentisches, sprengstoffbergendes Material betrachtet wurde, fähig die Jugend zu verderben und die geltende Ordnung auf den Kopf zu stellen. Außerdem war in Rom bekannt, dass Goethe ein vortrefflicher Vertreter der deutschen Freimaurer war. Seine Zugehörigkeit zu den Bauhütten machte ihn in Rom verdächtig, in den aristokratischen, aufklärerischen und philo-freimaurerischen Kreisen in Neapel jedoch zu einem willkommenen Gast. Aber ist Werther wirklich nur ein Liebesroman oder ein "prä-jakobinisches" Manifest?

 

Prof. Dr. Marino Freschi